KAPITEL FÜNFZEHN
Während die Berliner unter dem eisigen Wetter litten und Taurigs wie von Brechts Männer auf das Erscheinen der Kobra warteten, genoß dieser 400 Meilen südlich in den schneebedeckten Alpen bei strahlendem Wetter seinen Winterurlaub.
Das Wetter war hier am 3.Dezember merklich aufgeklart. Den ganzen Tag schien die Sonne. Manchmal schüttete ein kleiner Schneeschauer frischen Schnee auf die Berge. Nachts glitzerten Sterne am klaren Himmel. Die Kobra hatte die Hütte früh am Montagmorgen verlassen. In seiner tiroler Kleidung kundschaftete er die Gegend rund um das nahegelegene Adlers-nest gründlich aus. Mit der Augenklappe sah er aus wie ein Ortsan-sässiger auf Krankenurlaub und war bislang absolut unverdächtig geblieben. Die Hütte hatte er für einen längeren Aufenthalt eingerichtet und in einen angenehmen Ort verwandelt.
In dieser freundlichen Umgebung gab es eindrucksvolle militärische Aktivitäten.
Das Adlersnest auf dem Kehlsteinberg in der Nähe von Berchtesgaden war das Herz der 'Alpenfestung', die 'Redoute' oder die 'Mountain Citadel', wie Eisenhower es nannte. In alliierten Kreisen glaubte man, daß in diesem zwanzigtausend Quadratkilometer großen Gebiet voller Berge, dessen Zentrum Berchtesgaden war, Hitler überleben könnte und von hier aus vielleicht eines Tages die Auferstehung des Reiches organisieren würde. Dieser Glaube war so stark, daß er das Schicksal Berlins nach dem Krieg bestimmen sollte. Als die 'Alpenfestung' für die Alliierten zur Hauptsorge wurde, war Berlin nicht länger ein vorrangiges militärisches Ziel und wurde den Russen überlassen. Nach-richtendienstliche Berichte der Alliierten erwähnten Bollwerke, die durch unterirdische Eisenbahnen verbunden waren und durch mehr als eine Viertelmillion erstklassiger Truppen verteidigt wurden. Neue Waffentypen, unterirdische Messerschmidtfabriken und der übergroße Teil der Giftgasvorräte des Reiches waren angeblich hier in einem weiteren Deutschen Reich tief in den Bergen unterirdisch gelagert.
Am Dienstag, dem 5.Dezember, verbrachte der Amerikaner die meiste Zeit mit der Suche nach einem geeigneten Versteck für den Wagen sowie nach einem Punkt, von dem er mit einem Fernglas sowohl die lange Strecke nach Salzburg als auch den Weg zum Adlersnest überblicken konnte. Diesen Punkt fand er am späten Nachmittag. Es war eine unversehrte Scheune, die offensichtlich zu einem Bauernhof gehörte. Geh' lieber vor der Abenddämmerung zurück in die Hütte, dachte er. Schließ' die Vorbereitungen morgen ab. Und benachrichtige dann Berlin . . .
Zehn Meilen weiter nördlich spielte sich genau zu der Zeit in einem Musterungssaal in Salzburg eine kleine Tragödie ab.
"Ich bin die Hälfte eines eineiigen Zwillings . . .", sagte ein Junge zum Arzt, der ihn gerade für das Reich würdig befunden hatte.
"Nun?"
"Uns kann man nicht trennen..."
Doktor Meinhart schaute auf den langen, schlanken, athletisch geformten nackten Jungen,
der da vor ihm stand. Mit dem war alles bestens. Gut ein Meter achtzig groß und topfit.
Das blonde, blauäugige Ariermodell eben. Konnte so einem Plakat entsprungen sein. Er
hatte ihn bereits für die SS notiert und bedauerte vage, über den geschmeidigen,
sechzehnjährigen Riesen das Todesurteil verhängt zu haben. Deutschlands Hoffnung. Die
zukünftige Elite . . . in Waggonladungen zur Front . . . Kanonen-futter.
Und jetzt diese Träne.
Aber der Junge hatte vermutlich recht. Einmal von seinem Bruder getrennt, könnte er innerhalb eines Monates mit einer akuten Depression leicht dahinschwinden.
"Wo ist denn deine andere Hälfte ?" fragte Doktor Meinhart.
"Im Wartezimmer, Herr Doktor. Die wollten uns nicht zusammen herein lassen . . ."
"Hol' sie!" sagte Meinhart irritiert, aber innerlich doch belustigt.
Der Junge eilte zur Tür.
"Karl!"
Die andere Hälfte stürzte bereits ins Zimmer, noch bevor sein Bruder ihm die Tür geöffnet hatte. Er hatte sich wohl dagegen gelehnt. Meinhart sah, wie sie exakt im gleichen Moment erröteten, als der Junge sich anmeldete.
"Leg' deine Kleidung auf den Stuhl da!" befahl Meinhart. Er legte den nackten Jungen auf den Tisch, horchte das Herz ab, ließ ihn auf allen vieren knien für die interne Untersuchung und maß seinen Puls und Blutdruck. Er war verwirrt und wußte nicht mehr, wer nun wer war. Daraufhin ließ er den anderen Jungen sich auf den Tisch neben seinen Bruder legen und wiederholte äußerst sorgfältig das ganze Verfahren, bei dem er für einen Jungen jeweils eine Hand benutzte. Als die Jungen schließlich zögernd vom Tisch kamen, war Doktor Meinhart begeistert. "Besondere Merkmale?" fragte er schwitzend.
Die Jungen, die langsam wieder zu sich fanden, grinsten gleichzeitig. Seit sie Worte verstehen konnten, wurde das immer gefragt.
"Nein, Herr Doktor", sagten sie zusammen. "Nur unsere Namen. Ich bin Karl-Dieter und mein Bruder heißt Dieter-Karl." Dieselbe Stimmen, die Worte exakt gleichzeitig ausgesprochen und ein kurzes Fletschen der weißen Zähne, um den Witz abzurunden.
"Normale vormilitärische Ausbildung bei der HJ?"
"Jawohl, Herr Doktor", sagten sie. "Wir sind Funker."
Meinhart notierte sie für die Leibstandarte Adolf Hitler Obersalz-berg. Dabei ließ er es bewenden. Zusammen dann. Der Tod würde sie schnell genug trennen.
Es war aber bereits der fünfzigjährige Feldwebel Kolb, der die Jungen im nächsten Zimmer von einander trennte und so den Lauf der Geschichte beeinflußte.
"Nord . . . Süd . . . Nord . . . Süd . . . Nord . . . Süd . . .", war alles was er in den vergangenen zwei Jahren während seines achtstündigen Arbeitstages sagte. So schickte er die Jungen, die das Ärztezimmer verließen, in gegensätzliche Richtungen. Vor dreißig Jahren hatte der damals neunzehnjähre Siegfried Kolb in den Schützengräben bei Verdun, die in einer Decke gewickelten Überreste seines jüngeren Bruders sechs Tage lang in den Armen gehalten. Danach hatte er den Rest des Ersten Weltkrieges in einer psychiatrischen Anstalt verbracht. Als man ihn, nebst anderen Geschädigten, wieder gezogen hatte, gab man ihm eine Schreibtischstelle im Musterungszentrum von Salzburg. Kolb kannte seinen Beitrag zum Krieg genau. Der alte Junggeselle glaubte nicht an enge Banden zwischen Soldaten und hatte bald die Reihenfolge, in der die Jungen das Ärztezimmer verließen, verstanden.
"247 Herz, 19Uhr pünktlich!" schrie Dieter seinem Zwillingsbruder nach, als die beiden sich trennten und mächtig mit ihren Tränen zu kämpfen hatten.
Früh am nächsten Morgen, Mittwoch, dem 6.Dezember, kehrte die Kobra zur Scheune zurück. Seine Ausrüstung trug er in einem Rucksack, den er von Ralphs Mutter geliehen hatte.
Die Kobra betrat die Scheune, schloß die Tür hinter sich und stellte fest, daß es keine Fenster gab. Er gewöhnte sich schnell an das Halbdunkel und fand den üblichen unnützen Kram eines durchschnittlichen Bauernhofes. Er entfernte ein paar rostige Kanister sowie ein Wagenrad aus der Mitte und schritt den freigemachten Raum ab. Nachdem er zufrieden festgestellt hatte, daß der Raum groß genug war, um den Wagen zu verstecken, holte er den Handbohrer aus dem Rucksack und machte einige Löcher in die Wand. Mit einem Messer vergrößerte er sie. Als er fertig war, nahm er den Feldstecher und überschaute die Gegend. Er konnte den Weg in Richtung Berghof sehen. Er versuchte nun, der Straße zum Kehlsteinberg zu folgen. Dafür war das Loch jedoch zu klein. Er bohrte deswegen zwei weitere Löcher. Eins an der Seite der Vordertür und eins in der anderen Wand. Hierdurch konnte er jetzt jene Straße sehen, die sich um den Kehlsteinberg wand sowie ein großes Stück der Strecke, die nach oben zum Berghof führte. Nachdem er sich der guten Sicht auf den Komplex des Obersalzbergs vergewissert hatte, überprüfte er die Länge der Straße, die von Berchtesgaden nach Salzburg führte. Wenn Hitler aus Berlin eintreffen würde, käme er aus dieser Richtung. Später am Tage ging er zurück nach Waldheim und holte den Volkswagen ab, grub die Kanister, die er im Wald versteckt hatte, wieder aus und fuhr zur verlassenen Scheune zurück. Hier legte er die Plane von Frau Baumler auf den Wagen.
Um 18Uhr45 war er wieder in seiner Hütte. Eine halbe Stunde später gab er Berlin das Zeichen.
"Hast du das . . .?" fragte Dieter aus Salzburg seinen Zwillingsbruder über das Funkgerät.
"Den habe ich noch nie gehört . . .!" rief Karl aufgeregt aus Berchtesgaden.
"Mal sehen, ob wir den orten können . . ."
An diesem Mittwochabend, dem 6.Dezember, stand Taurig in Berlin nach einem besonders deprimierenden Tag tief in Gedanken versunken vor einem offenen Fenster. Drei Tage ohne jegliches Zeichen der Kobra waren ver-gangen. Räder war seit Sonntag angeblich krank in seiner Waldvilla und unerreichbar. Das Wetter war kalt und windig und es war die Rede davon, daß es der schlimmste Winter seit 1812 werden würde, das Jahr, in dem Napoleon in Rußland vom Schicksal ereilt wurde. In den Straßen sammel-ten die Menschen verzweifelt Holz aus den Ruinen und Parkanlagen, nur unterbrochen durch Luftangriffe, die den Himmel immer wieder kurze Zeit bedrohlich aussehen ließen.
Um 08Uhr an diesem Morgen hatte Taurig während einer Unterrichtsstunde im unbewaffneten Kampf versehentlich einen Mann umgebracht. Um 09Uhr hatte er sich mit Sturmbannführer Mayer getroffen, der zwecks intensiver Funküberwachung im Kommunikationskontrollzimmer in Turm L des Zoobollwerks eigens ein Zentrum für den Funkpeilungsdienst eingerichtet hatte. Bislang waren zwei illegale Funkgeräte geortet und mehrere Verhaftungen vorgenommen worden. Von der Kobra jedoch : nichts.
Nachdem er Turm L verlassen hatte, suchte Taurig sich seinen Weg in Turm G. Dies war der größere der beiden und verfügte über acht schwere Flugabwehrgeschütze auf dem vierzig Meter hohen Dach. Es deckte den ganzen Himmel über Berlin ab. Die Zoofestung im Herzen Berlins lag nah am Regierungsquartier. Es war eine jener unglaublichen, autarken Welten innerhalb des Reiches und ihre militärische Garnison glaubte, in dieser in sich völlig geschlossenen Welt mindestens ein Jahr durchhalten zu können, falls der Rest Berlins besetzt werden sollte. Das dreizehn-stöckige Gebäude, das sich hinter einer etwa drei Meter dicken Beton-kapsel verbarg, die an mehreren Stellen mit 10 Zentimeter dicken Stahl-platten verkleidet war, und das den Platz eines kompletten Stadtteils einnahm, war in der Tat ein Reich innerhalb eines Reiches. Mit eigenen Krankenhäusern, Lebensmittellagern, Wasserversorgungssystemen und Kommunikationszentren konnte es leicht fünfzehntausend Menschen beher-bergen. Auch die Reichtümer mehrerer Berliner Museen wurden hier verwahrt.
Taurig hatte sich öfters überlegt, was nun das wahre Deutschland darstellte. Jener unglaublich hochgradig durchorganisierte Kern zusammengeballter Macht oder die zerschlagene Welt da draußen. Merkwürdig genug bekam er an diesem trüben Mittwoch in Dezember die Antwort, als er das Bollwerk am Zoo verließ und ihm zum ersten Mal dämmerte, daß der Krieg womöglich verloren gehen könnte. Diese Offenbarung kam ihm, als er auf seinem Rückweg zur Prinz-Albrecht-Straße den Zoo durchquerte. Von den vierzehntausend Tieren, die einst den größten Zoo der Welt bevölkerten, waren noch fünfzehnhundert übriggeblieben. Der Rest war während der Luftangriffe umgekommen oder von der ausgehungerten berliner Bevölkerung zur Ergänzung der täglichen Nahrungsration gestohlen worden.
Taurig hielt eine Weile vor seinen Lieblingstiere, vor dem Löwen-käfig, inne. Der Anblick der lethargischen, unterernährten, aber noch immer stolzen wilden Tiere, schmerzte ihm.
"Man wird sie erschießen müssen . . .", flüsterte eine tiefe Stimme hinter ihm.
Taurig konnte seine Wut kaum unter Kontrolle halten, als er hinter sich Zoo-Direktor Lutz Heck erkannte.
"Sie sind uns heute Nacht während des Luftangriffes fast entwischt. Der Käfig ist schwer beschädigt . . .", sagte der Mann, der sich keine Mühe gab seine Erregung zu verbergen.
Plötzlich wußte Taurig, wie die Wirklichkeit, die er nicht fassen konnte, aussah. An diesem Nachmittag war er in die Beethovenhalle gegangen. Der dritte Fehler, der er an diesem Tag begangen hatte. Robert Heger hatte das Berliner Philharmonische Orchester, eine weitere Stütze der Pracht des Reiches, auf wunderbare Weise dirigiert. Aber mehr als alles andere hatte die Musik an diesem Tag Taurig deprimiert. Jetzt stand er in seinem Bureau vor dem Fenster und schaute auf die dunklen Ruinen von Deutschlands meist bombardierter Stadt.
Prachtvoll in ihrer Agonie lag sie da, eine einzigartige Nekropolis, und Wagners Musik, die Klänge der eindrucksvollen, majestätischen Musik der Götterdämmerung, kehrte zu ihm zurück. Die Götterdämmerung. Die Geschichte ihrer Übeltaten. Siegfried auf dem Totenbett in Flammen. Der stürmische Höhepunkt, die schreckliche Tragödie, die das Walhalla vernichtete...
Verärgert wandte sich Taurig einem gerade hereingekommenen jungen Soldaten zu, der frischen Kaffee und Lachsbrötchen brachte, ihm eine Nachricht überreichte und mit einem knappen "Heil Hitler" das Zimmer wieder verließ.
Taurig goß sich eine große Tasse Kaffee ein, nahm einen Bissen vom
Brötchen und öffnete die Nachricht. Plötzlich änderte sich seine Stimmung.
Ein neuer Funkspruch aus dem Süden war aufgefangen und von einem nicht näher identifizierten Sender in Berlin bestätigt worden . . .
"Sie wissen wohl, wie riskant es ist, mit dem Funk fortzufahren?" fragte Kassel. "Alles wird abgehört. Verhaftungen finden statt . . ."
Werner stand auf und lief an jenem Mittwochabend erregt durch den bombensicheren Keller in der Charlottenburger Schloßstraße. Es war kalt. Die Männer trugen Mäntel. Kondensierte Atemwölkchen vermischten sich mit Zigarettenrauch. Die Gefahren hatten sie vorher schon be-sprochen. Seit Kluges Festnahme waren die Frequenzen bekannt und Axels Bericht über die intensivierte Funküberwachung hatte ihre Angst nur bestätigt.
"Haben wir überhaupt eine andere Wahl", sagte Werner, der versuchte seinen Zorn zu verbergen. Es war eine rhetorische Frage. Kassel schaute beharrlich auf den Konferenztisch, der leicht erstarrte Binswanger hielt die Augen auf die Wand gerichtet.
Um 21Uhr15 heulten die Sirenen zum zweiten Mal an diesem Abend.
Werner erriet die Gedanken der beiden und fuhr erbost fort: "Abblasen? Nur der König von England kann es abblasen! Die finanzielle Konsequenz wäre . . . unfaßbar . . ."
Die Männer schwiegen eine Weile, schenkten jedoch dem Pom-pom der Flak und die einschlagenden Bomben wenig Aufmerksamkeit.
"Sicher haben sich die Umstände geändert", sagte Binswanger unwillig.
"Nicht für den Amerikaner. Bislang hat er sich an seinen Teil der Ab-machung gehalten...ist große Risiken eingegangen...wenn schon, dann hat er uns einen Schimmer seiner Fähigkeiten gezeigt. Wozu ein Einzelner imstande ist...allein! Er könnte es abblasen. Und alles, wofür er sein Leben riskiert hat, verlieren. Irgendwie glaube ich nicht, daß ihm das überhaupt in den Sinn gekommen ist. Ein Mann, der beiläufig vier spitzen SS-Todeskommandos überraschend umbringt, der ein paar Tage später, nach einer Reise von tausend Meilen, tief ins Feindesgebiet vorstößt, ohne jegliche Hilfe von außen. Ein Mann, der weiß, daß er zur Zeit Staatsfeind Nummer Eins ist, und bislang offensichtlich alles routiniert erledigt hat, als ob es Teil seines Planes wäre . . ."
Binswanger hob die Augenbrauen und warf einen Blick auf Kassel. "Teil seines Planes . . .?"
"Er hat den Zeitplan eingehalten, oder? Den hat er vor drei Monaten in zwei Tagen aufgestellt. Alles was passiert ist, scheint ihn nicht zu kümmern. Vielleicht gibt es nur zwei oder drei Männer auf der Welt, die zu solch individuellen Aktionen imstande sind. Ich persönlich würde darauf aber nicht wetten . . ."
"Meinen Sie, daß er übermenschlich ist . . .?"
"Ich sage nur, daß Ihr Versuch dieses Geschöpf . . . zu verstehen . . . seine Handlungen zu durchschauen . . . auf dem Vergleich mit uns bekannten Men-schen beruht. Natürlich ist er menschlich. Wie Hitler. Oder Napoleon. Oder Al Capone. Aber Sie und ich kennen solche Leute nicht. Aber ich versichere Ihnen . . . das ist auch deren Problem, in der Albrecht-Straße. Darum habe ich ihn für diesen Auftrag ausgewählt . . ."
Aus einer Thermoskanne goß Werner drei Tassen dampfenden, heißen Kaffee ein. Die Männer wärmten ihre Hände an den Tassen und tranken. Kassel blickte auf die zweite Nachricht der Kobra, die sie am Abend erhalten hatten. Sie war in einem schwierigen Buchkode verfaßt, der auf der zweiten Taschenbuchausgabe von Hitlers 'Mein Kampf' basierte. Kassel brauchte für die Entzifferung vierzig Minuten. Der ganze Inhalt war : 'Bin bereit'. Dies war das Zeichen, die Posten in Berlin zu bemannen. Es schien unglaublich, daß irgendwo in der Nähe ein bestens darauf vorbereiteter Mann darauf wartete, Adolf Hitler umzubringen. Kassels Antwort im gleichen Kode war 'Drei' gewesen. Dies bedeutete, daß es keine Gewißheit über den Aufenthaltsort des Führers gab. Drei mögliche Orte. Die Kobra würde nur dann handeln, wenn in der Antwort ein besonderer Ortsname enthalten wäre.
"Das kann noch lange dauern", sagte Binswanger.
"Bis zum Ende des Krieges", antwortete Werner entschieden. "So lauten die Vertragsbedingungen."
"Etwas Neues von der anderen Seite?" fragte Kassel.
Es gab eine kurze Stille.
Werner versuchte seinen Kummer, der ihn zu überwältigen drohte, zu verbergen.
"Nichts. Nichts seit Sonntagnachmittag . . . das könnte alles bedeuten . . . wissen Sie . . . bei mir steht viel auf dem Spiel . . . genau genommen . . . alles, was ich noch habe . . .", sagte er tonlos.
Aufheulende Sirenen gaben Entwarnung. Es war schon nach 22Uhr.
"Es sollte schnell geschehen", sagte Binswanger, als die Männer aufstanden. "Die Regierung hortet Blausäurekapsel für die Frauen, falls der Iwan als erster eintreffen sollte . . ."
Taurig stand am nächsten Morgen früh auf. Nach drei schlaflosen Nächten dröhnte sein Kopf. Er trank zwei Tassen schwarzen Kaffees, rasierte sich während er duschte und saß um 08Uhr05 an seinem Schreibtisch. Schnell blätterte er die letzten Nachrichten durch. Das meiste verschwand in einem Papierkorb für geheime Unterlagen.
Der erste Anruf kam um 08Uhr16. Es war Obersturmbannführer Joachim Richter, der sich nach dem Mann erkundigte, der von Taurig gestern um- gebracht worden war.
"Ja, das ist korrekt, Herr Obersturmbannführer . . . Ich traf ihn versehentlich an den Hals . . . selbstverständlich, aber er erstickte bevor wir ihm von außen einen Luftschlauch anlegen konnten . . . Unsinn, Obersturmbannführer, obwohl ich zugebe, daß der Mann mir schon immer auf die Nerven ging . . . er hatte einundzwanzig Kämpfe im Schwergewicht gewonnen . . . achtzehn davon durch Knockout . . . vielleicht war ich etwas grob mit ihm, aber er war ja schließlich keine Wachspuppe . . ."
Taurig erspähte eine sehr beunruhigende Nachricht auf dem Schreibtisch.
"Moment mal, ich bin sehr beschäftigt, soll das hier eine offizielle Untersuchung sein? Ihr Schwiegersohn . . . Bedaure . . . Würden Sie mir ihrer Tochter mein tiefes Beileid aussprechen, vielleicht reden wir noch mal darüber - ah! - guten Morgen Reichsführer - selbstverständlich . . . Wiederhören, Obersturmbannführer . . ."
Während des Gespräches hatte Taurig die Nachricht zu Ende gelesen.
Er nahm den Hörer wieder ab und befahl dem Telephonisten, ihm ein Ge-spräch in höchster Dringlichkeit mit dem verantwortlichen Funkoffizier des SS-Hauptquartiers in Obersalzberg zu vermitteln. Inhalb zwei Minuten wurde er durchgestellt.
"Untersturmführer Wenk? Ich habe hier vor mir ihren Bericht über einen unidentifizierten Sender, der in Ihrem Bezirk mit Berlin kommuniziert. Haben Sie ihn bereits geortet? Ein Bericht von Amateuren, sagen Sie? Sie wollen mir sagen, daß ihr Dienst ihn nicht entdeckt hat? Nun hören Sie mir mal gut zu, Wenk...Mit was auch immer Sie sich zur Zeit beschäftigen, ich will, daß sie sich einzig und allein auf diesen Sender konzentrieren...und setzen Sie diese Amateure auch 'ran . . .ja, das ist ein Befehl aus Berlin! Aber schweigen Sie darüber . . . kein Wort, Staatsgeheimnis, ist das klar?"
Nach Taurigs letzten Worten gab es am anderen Ende eine lange Stille.
Dann klang die Stimme anders, entsetzt.
"Zu Befehl, Hauptsturmführer . . .", flüsterte der andere, als Taurig auflegte. Untersturmführer Wenk war plötzlich zehn Jahre älter gewor-den. Routinemäßig hatte er den Bericht der beiden jungen Soldaten weitergeleitet. Was wäre, wenn direkt unter ihrer Nase ein Agent am Werk wäre . . . so nah am Adlersnest...wenn er in Zusammenhang stände mit einer so wichtigen Angelegenheit, daß ein Mann von Taurigs Format die Führung hatte . . . Staatsgeheimnis . . .
"Gott im Himmel . . .", flüsterte Wenk, als er anfing zu verstehen.
Axel fühlte sich so, als ob er schon seit mehreren Tagen tot sei. Er hatte ein paar angenehme Minuten geschlummert und verstanden, daß der ewige Schlaf die größte Gabe des Lebens war. Jetzt lag er wach und hörte, wie Räder, der davon ausging, daß Axel erschöpft war und nicht zuhören konnte, laut ein Telephongespräch führte. Aber Räder irrte sich.
Der Junge bewegte mit Mühe den Kopf, als hebe er ein schweres Ge-wicht. Viel später, als er Räder hochkommen hörte, legte er den Kopf wieder zum Schlafen hin.
"Du kommst zu spät zur Schule", sagte Räder. "Steh' jetzt lieber auf."
Vier Tage und fünf Nächte hatte Axel gespreizt auf dem Bauch an vier eiserne Bettpfosten gefesselt zugebracht. Es war immer weitergegangen.
Als der Junge sich bewegen wollte, erstarrte sein Gesicht vor Schmerz. Etliche Minuten vergingen, bevor er aufstehen konnte und wieder Gefühl in den Beinen hatte. Öfters strauchelnd gelang es ihm ins Badezimmer zu kommen.
Es war Freitag, der 8.Dezember, früh am Morgen.
Der Opel 'Admiral' hielt vor dem Schulgebäude und Räder stellte den Motor ab. "Es ist nichts passiert, was nicht vergessen werden kann . . .", sagte Räder. "Es ist alles im Kopf und nur zwischen uns beiden. Du bist körperlich nicht mal mehr als leicht verletzt. Als ich jünger war als du, hatte ich ähnliche Erfahrungen. Als es mir passierte, wollte ich sterben. Jetzt denke ich nicht daran. Nicht mal die Erinnerung daran stört mich. Dafür, daß du mich all diese Monate ständig gehänselt und verraten hast, hast du bezahlt. Wenn du darüber redest, wirst du alles offenlegen müssen. Es wäre dein sicherer Tod. Man wird dich mit vollstem Vergnügen intimst untersuchen, um Beweise für deine Aussagen zu finden. Es wird eine ganze Truppe sein und du wirst nur ein Spielzeug sein . . . eine sehr lange Zeit...für die Gestapo bloß ein reines Spielzeug sein. Schließlich erhängen sie dich dann. Wie eine zerfetzte Puppe. Was hältst du davon? Andererseits . . . könnten wir . . . wie vorher zusammenarbeiten . . . etwas ausarbeiten . . . was für dich . . . akzeptabel wäre . . ."
Mit leerem Blick starrte Axel in die Ferne. Dann sagte Räder: "Du weißt, ich hätte dich umbringen können . . .ohne Frage . . . einen Verräter . . . von Brechts Sohn?! Nur...weil ich dich liebe . . . nehme ich dieses idiotische Risiko dich freizulassen, Axel . . . das weißt du ganz genau...wußtest du die ganze Zeit...hast es ausgenutzt. Denk darüber nach, was ich dir sagte. Ohne Schutz . . . bist du so gut wie tot . . . Komm' heute Abend einfach nach Hause . . . und wir reden weiter . . . nächste Woche könnte ich dich nach Berchtesgaden mitnehmen . . . denk' darüber nach . . . wir werden schon sehen . . ."
Der Junge war sehr blaß geworden. Dachte über einen Weg nach, Paul Räder umzubringen.
Schließlich nahm er einen Apfel aus der ausgestreckten Hand des SS-Offiziers. Dann wankte er in Richtung Schulgebäude.
Zu einer vorher ausgemachten Zeit rief Axel an jenem Freitag, dem 8.Dezember, am späten Nachmittag von einer Telephonzelle im Tiergarten seinen Vater, der in einer nahegelegenen Zelle stand, an.
"Wo bist du die ganze Zeit gewesen?" fragte von Brecht besorgt. "Ich habe jeden Abend auf dich gewartet . . . mein Leben riskiert. Ich war äußerst beunruhigt . . ."
"Ich konnte vorher unmöglich Kontakt aufnehmen", antwortete Axel in einer tonlosen, entschiedenen Stimme. Die Bitterkeit in der Stimme des Vierzehnjährigen schmerzte den Vater. Er atmete tief durch.
Axel erzählte Werner in aller Kürze, was er am Morgen alles gehört hatte.
"Bist du dir sicher? Hat er wirklich Berchtesgaden gesagt?"
"Nach der morgendlichen Konferenz im Führerbunker, vermutlich am Montag. Räder soll die Gesellschaft des Führers begleiten und sie am Flughafen Tempelhof treffen."
"Aber er kann unmöglich in die Ardennenoffensive verwickelt sein!"
"Das hat er nicht gesagt."
"Das ist eine sehr wichtige Nachricht . . .", sagte Werner leise.
"Wir sollten genau herausfinden, wann die Gruppe am Flughafen von Salzburg eintreffen wird. Viele . . . viele Leben hängen davon ab. Gibt es überhaupt eine Chance, daß Räder dich wirklich mitnimmt, wenn du ihn darum bitten würdest? Du könntest Kassel dann direkt vom Flughafen anrufen. Sage nur, daß du gut angekommen bist . . ."
Es gab eine lange Pause am anderen Ende.
Der Junge hat ein riesiges Problem, dachte der Vater.
"Schafft du es?" fragte Werner endlich und versuchte, seine Stimme normal klingen zu lassen.
"Damit können Sie rechnen", sagte Axel nach einer Weile. Offensichtlich hatte er sich zu einer schwierigen Entscheidung durchgerungen.
"Geht's dir gut . . .?" fragte sein Vater ihn und versuchte, die Verzweiflung in seiner Stimme zu verbergen. "Was ist passiert?"
Axels Antwort war so kalt wie der eisige Wind in der Nacht, die Stimme bitter.
"Nichts, was man nicht vergessen könnte", sagte er, als er auflegte und die Zelle verließ.
"Es ist nur eine Frage der Zeit . . ."
Um 17Uhr15 erhielt Taurig einen Bericht aus Trier. Der Flakwagen war gefunden worden. Wenn es bloß nur einen einzigen Hinweis auf den Mörder geben würde . . .
Seit zwei Tagen hatte er von niemandem etwas gehört! Es war Samstag, der 9.Dezember. Zwei ganze Tage verloren . . .
Jede Menge Berichte hatte er erhalten über Verhaftungen in ganz Deutschland. Menschen, die in Hotels abgeholt, verhört und in Gestapobureaus festgehalten wurden. Festgehalten oder erschossen, wie gehabt. Alles in allem schätzte Taurig, daß mindestens zwanzigtausend Mann von Himmlers diversen Diensten rund um die Uhr bei der Arbeit waren. Jeder, der auch nur im geringsten der Beschreibung, die Paul Räder aus London mitgebracht hatte, entsprach, wurde verdächtigt. Ein großer, schwerer, breitschultriger, schwarzhaariger Mittdreißiger, Bäuchlein, dicke Oberlippe und ein kaum sichtbares Hinken, das Taurig automatisch einer Kriegsverletzung zugeschrieben hatte. Dann diese Bemerkung über das ständig übermäßige Schwitzen, sogar in der Kälte wischte er sich stets das Gesicht. Merkwürdig war das. Aber Räder war besonders gründlich mit dem jungen Fähnrich vorgegangen, bürgte für das Hundertprozentige dessen Geständnis. Taurig kannte Räder gut genug, um die Bedeutung seiner Aussage einzuschätzen. Niemand log Räder an, wenn dieser gründ-lich wurde...niemals, wenn es auf das Ende zuging. Und sicherlich kein junger Bursche, der eine elektrische Sonde im After hatte, der gezwungen wurde zuzusehen, wie sein gefesseltes Mädchen einer Reihe schier endloser perverser Handlungen ausgesetzt wurde, die das Kamasutra auf der Ebene eines Reinheitshandbuches für Nonnen erscheinen ließ. Leider stimmte die Beschreibung, die Räder dem jungen Fähnrich abgerungen hatte, nicht überein mit jener aus dem Hotel 'Alpensicht'. Müller hatte eine schwere Brille, konnte ohne gar nichts sehen. Gepflegter Schnauzer, Hörgerät, Narbe von einem Duell, steife Lippen, war schlank, groß und blond. Typischer Schwertadel. Vom Parfum mal abgesehen. Und selbstverständlich das bißchen Lispeln. Zweifellos ein Schwuler. Einer jener Offiziere, die sich den Hintern rasierten. Ein Fahnenflüchtiger, natürlich.
Taurig suchte eine Mördermaschine, keinen Bubi. Der britische Fähnrich hatte sich tatsächlich mit dem Mann getroffen. Das war ein Anhaltspunkt. Nur stimmte die Beschreibung des Fähnrichs nicht mit dem Bild überein, das Taurig sich im Kopf von der Kobra gemacht hatte. Ein großer, etwas dicker Mann? Der ständig schwitzt? Ein Mittdreißiger? Ein Hinkefuß? Der seine Spitzenleute in London abschlachtet . . . sich metho-disch einen Weg durch eine knallharte SS-Panzereinheit freimacht . . . nachdem er einen Flakwagen erbeutet hat? Der einen zweiundsechzig Tonnen schweren Tiger aus dem Wege räumt? Spähtrupps niedermetzelt, ohne Spuren zu hinterlassen . . .?
Betrübt kam Taurig der Gedanke, daß der Eindringling im Süden dem Bekenntnis des Fähnrichs ebenfalls nicht entsprach. Sein Instinkt sagte ihm das. Die Spur der Schlächtereien paßte besser auf den Mann, den Taurig im Kopf hatte. Heimlich bewunderte...ihm ebenbürtig war . . . auf der anderen Seite . . . von einem Schlage, mit dem er sich schließlich gerne treffen wollte. Der Mann wäre jünger, war vielleicht 28, wie er. Groß...ja, aber ein geschmeidiges Muskelpaket, nicht dick. Kühl, methodisch, so wie er den Tiger da beseitigte. Ach, was! Nicht schwitzend . . . ein blonder . . . ja er wäre blond, ein blonder, blauäugiger Arier. Natürlich wäre er ein Arier, kein schwarzhaariger Zigeuner!
Die Offenbarung kam allmählich und ließ Taurig im warmen Zimmer frösteln . . . Solch ein Mann ginge mit peinlichster Genauigkeit vor . . . überließe nichts dem Zufall, würde weit im Voraus planen, sich gegen jegliche Panne absichern . . . eine Tarnung, von Anfang an, eine einfache Tarnung, die ihn genau als derjenige erscheinen ließe, der er nicht war. Etwas Parfum . . . ein Lispeln . . . was wäre einfacher! Aber es gab wiederum die Beschreibung des Fähnrichs.
Taurig schaute sich noch mal das Bild vor dem Kriegsministerium an. Da war etwas, das keinen Sinn machte. Von Brecht eine halbe Stunde lang im Freien bloßgestellt...mit diesem lächerlichen Knaben...bei diesem Menschenschlag hatte alles einen verborgenen Sinn, grübelte Taurig. Er wird gewußt haben, daß das Kriegsministerium 24 Stunden am Tag von der SS observiert wurde. Folglich die beiden photographiert wurden. Natürlich wußte er das. Zwei Wochen danach platzte Grundigs Kopf auseinander. Während er hinter diesem lausbubigen Fähnrich her war. Der Fähnrich war bloß der Lockvogel der Kobra.
Ein frommes Lamm, frei Haus vom Schlächter abgeliefert, mit einer Nachricht, die brav von seinem Metzger weitergeleitet wurde...Der Amerikaner würde mit Sicherheit gewußt haben, daß man von Brecht ein Todeskommando hinterher schickte.
Dieses würde, als von Brecht kurzerhand aus dem Blickfeld verschwand, sich als erstes an den Fähnrich heranmachen. Die Kobra hatte sie dann einfach kommen lassen...seine Nachricht vermittelt und sich gleichzeitig von ihnen mitteilen lassen, daß sie von dem Plan wußten, indem sie gerade darüber den Fähnrich befragten. Dieser Schlächter hätte Räder nie entwischen lassen, es sein denn, er wollte es so. Von Brecht hatte ihn mit Sicherheit die Biographien seiner Gegner geliefert. Er mußte damit gerechnet haben, daß Räder mit dem Jungen herumspielen würde, daß sich Räder von diesem Jungen angezogen fühlte, ihn so lange wie möglich in dem Raum ließ und so der Kobra ausgiebig Zeit ver-schaffte, die anderen abzuschlachten . . . Jetzt machte alles Sinn. Taurig war erschüttert. Die Falle mit der Kinokarte...er folgte Schmidt und Gotha nach der Vorstellung und fand so die Adresse in der Cromwell Street heraus. Ab da war es noch einfacher. Erst Menke . . . der hatte wohl geredet, bevor er seinen Kopf los wurde! Dann Schmidt und Gotha mit einer Torte...Da hatte Räder es mit Sicherheit eilig und nach der fröhlichen Überraschung mit Sicherheit keine Zeit mehr gehabt, den Kindern im Keller das Schweigen aufzulegen.
Man könnte das Geständnis also anders herum auffassen...oder würde dieses Geschöpf auch damit rechnen . . .? Gegenteilig aufgefaßt machte das Eindringen im Süden jedenfalls Sinn . . . Was war jetzt mit der Beschreibung, die der Fähnrich preisgegeben hatte? Der Amerikaner wußte, daß der Junge singen würde . . . also traf er sich in einer Tarnung mit ihm... natürlich...ein paar extra Pullover, das machte ihn dicker und obendrein würde er gehörig schwitzen. Ein bißchen Haarfarbe, vielleicht etwas grau an den Schläfen, ein leichtes Hinken. Was wäre einfacher? Und wer würde auf die Idee kommen, daß er den Fähnrich in einer Tarnung treffen würde ? Mein Gott, die Zeit, die er damit gewonnen hatte . . . Alles, was sie jetzt wußten, war, wonach sie nicht suchen sollten. Das sollte er besser für sich behalten. Andernfalls würde man ihn erschiessen . . .
Taurigs Kopf dröhnte. Mangels Schlaf war er völlig erschöpft. Jetzt wußte er aber wenigstens, daß er vorankam, spürte eine Verbindung zum Geist des anderen, kroch in seine Haut . . . wenn er auch nur den gering-sten Beweis erbringen konnte, etwas, das in seine soeben entwickelte Logik passen würde . . .
Mühsam ging er den Stapel Berichte auf dem Schreibtisch noch mal durch. Etwas mußte er übersehen haben. Vielleicht würde er es jetzt finden, wo er es mit anderen Augen betrachtete. Die Funknachricht . . .? Sehr vage . . . Hauptmann Müller . . .? Ja, das machte jetzt Sinn . . . Der Volkswagen stammte wohl von den vermißten Spähtrupp...aber was war in Gottesnamen mit denen passiert . . .?
Um 21Uhr30 an jenem Samstagabend kam Taurig zu den Männern durch, die den vermißten Flakwagen in der Nähe von Trier gefunden hatten.
"Fahnden sie nach den Vermißten? Kann es sich um Fahnenflüchtige handeln? Sagen Sie das noch mal! Nur Kopf und Schultern?! Sie haben das Gebiet mit zweihundert Mann abgesucht? Und alles was Sie finden konnten, waren Kopf und Schultern?!"
Taurig schmiß den Hörer auf.
"Er hat sein Markenzeichen hinterlassen . . .", grinste er. "Eine sadistische, psychopathische Mördermaschine . . ."
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