KAPITEL ELF

Es war dunkel und neblig als am Donnerstag, dem 23. November, um 18Uhr13 das Klingeln an der Tür in der Cromwell Road Nr 15 eine Lieferung ankündigte. Schmidt nahm den großen Karton entgegen und brachte ihn, nachdem er die Vordertür mit dem linken Fuß zugestoßen hatte, in die Küche. Die beiden Männer sahen sich die große Torte äußerst erstaunt an.

"Es ist eine Hochzeitstorte", sagte Gotha. "Sicherlich falsch ausgeliefert. Wir schneiden sie mal an, bevor es jemand merkt."

Sie stellten die Torte auf den großen Tisch im Wohnzimmer und saßen frohlockend davor. Schmidt holte zwei Teller aus der Küche und stellte sie auf den Tisch.

Wenngleich die Szene vielleicht etwas absurd anmutete, hatten die beiden Männer keine Bedenken.

"Darf ich den ranghöheren Offizier darum bitten, die Torte anzu-schneiden", scherzte Schmidt und gab Gotha das Messer. Mit großer Genauigkeit schnitt Hauptsturmführer Gotha zwei dünne Scheiben ab.

"Ich knausere lieber etwas", sagte er. "Man weiß ja nie, wie lange wir es damit aushalten müssen." Sie aßen schweigend, aber mit der Geschwindigkeit von ausgehungerten Männern.

"Nicht schlecht", sagte Gotha. "Zeigt uns nochmal, daß die Schweine noch längst nicht ausgestorben sind. War vermutlich wohl für die eine oder andere aufwendige Bar-Mizwa gedacht."

Im Keller bereitete Paul Räder derweil eine Spritze vor, die den Fähnrich und sein Mädchen umbringen sollte.

Es hatte sich gelohnt mit den beiden Kleinen.

Sechs Stunden ungestörtes Vergnügen. Der Raum war die ganze Zeit von innen abgeschlossen gewesen. Seit er dem Mädchen gehörig Angst ein-gejagt hatte, war sie all seinen Perversionen willig gewesen. Räder war sich seiner beträchtlichen Anziehungskraft auf beide Geschlechter sehr bewußt. Es war, trotz ihrer verzweifelten Angst, jedoch die erotische Verzückung des Mädchen gewesen, die schließlich den Ausschlag gegeben hatte. Der junge britische Offizier hatte gesungen. Jetzt wußte Räder, daß Axel ihn verraten hatte. Wie sonst hätte London wissen können, daß sie kamen? Den Bengel würde er sich zum richtigen Zeitpunkt vornehmen. Er freute sich schon darauf.

Als der Fähnrich sah, wie der SS-Offizier die Spritze füllte, war er plötzlich erleichtert. Der Tod kam wie ein Geschenk vom Himmel. Er wußte, daß er nicht weiter leben konnte, mit der Erinnerung an die schmutzigen, perversen Handlungen, denen er vor den Augen des Mädchen, das er liebte, unterworfen worden war. Als er sah, wie Räder mit der Spritze in der Hand auf das Mädchen zuging, befürchtete er, daß seine eigene Vernehmung noch weitergehen würde.

"Wenn Sie sie leben lassen...werde ich...alles...erzählen", keuchte er verzweifelt.

Der SS-Obersturmführer wandte sich ihm zu.

"Das wäre sehr vernünftig", sagte er abwertend.

Der Junge wußte, daß die Kobra jetzt in Deutschland sein müßte. Aber er konnte womöglich noch ein wenig Zeit für ihn gewinnen.

"Könnten Sie erst...dieses elektrische...Ding abschalten...bitte?" fragte der Fähnrich schwach.

"Das hängt von der Information ab", antwortete Räder. "Wenn Sie wieder versuchen, meine Zeit zu vergeuden, werden Sie es bereuen."

Es war 19 Uhr, eine Stunde später, als der SS-Obersturmführer schließlich von der Bedeutung des Geständnisses überzeugt war. Langsam zog er den Elektrokabel aus der Steckdose und die siebenundeinhalb Zentimeter große Sonde plumpste aus Scotty heraus.

Schnell verließ er den Raum, um Taurig eine dringende Nachricht zu übermitteln.

Als Räder das Wohnzimmer betrat, war ihm klar, daß seine Mission vorbei war. Er sah die grotesk verzogenen schwarzen Gesichter von Schmidt und Gotha auf dem Boden.

Blausäure . . .?

Dieser gottverdammte Grundig, dachte Räder zuerst. Ein Doppelagent. Das Schwein wird den Raum für seine eigene Spielchen benutzt haben. Jetzt wurde ihm das Ganze vermutlich zu heiß. Nur Gott weiß, wieviel unschuldige Schulmädchen er in diesen Kerker gelockt hatte. Räder ging auf den Tisch zu, nahm das große Messer und roch kurz an der Torte, um das Gift zu überprüfen. Dann schnitt er ein kleines Stück ab. Als das Messer auf etwas Festes stieß, dachte er an eine Bombe. Sorgfältig begann er, die Torte rund herum zu entfernen.

Die Veränderung in Paul Räders Wahrnehmung der Welt kam sehr allmählich. Aber das Brechen kam plötzlich und gewaltig. Irgendwie reagierte sein Körper schneller als sein Geist, sobald deutlich wurde, daß die wunderschöne Torte um den abgehackten Kopf von Menke herum gebildet worden war.

"Am Tor...", sagte eine besorgte Stimme leise.

"Hier spricht John Delmey", sagte Räder. "Ich möchte, daß Sie unsere Wohnung besuchen."

Der Name kam aus der Times. Christopher Delmey war am vorangegangen Tag bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Der letzte Satz sollte kodiert beantwortet werden.

"Woher haben Sie unsere Adresse, Sir?" fragte der Leichenbestatter.

"Wir sind bei ihrer Firma unter der Nummer 743-52 versichert", sagte Räder. Die kodierte Zahl mit der Anfangsziffer 7 bedeutete, daß der Sprecher unmittelbar im Auftrag des Führers tätig war. Die letzten Ziffern bedeuteten, daß es sich hier um ein SOS-Signal höchster Dring-lichkeit handelte.

Die Kobra hatte an jenem Donnerstag die Cromwell Road Nummer 15 zwei Stunden lang beobachtet. Es war 21Uhr15. Als ein schwarzer Wagen an-hielt, konzentrierte er sich auf die vier Insassen in dunklen Mänteln, aber es gab nichts ungewöhnliches an ihnen. Die Schmeisser, die in der Dachverkleidung versteckt waren, konnte er nicht sehen. Wenn der Fahrer die Taste mit dem Wort 'pull' drückte, würden sie wie Sauerstoffmasken bei einer schlagartigen Dekompression in einem Flugzeug nach unten fallen. Drei Männer stiegen aus und holten einen Sarg aus dem Wagen. Es gab nichts ungewöhnliches an der Tatsache, daß der Fahrer zurückblieb, und es war auch nicht merkwürdig, daß seine Hand locker auf dem Sitz liegenblieb, während er sich faul zurücklehnte. Die Granaten, die im Sitz verborgen waren, lagen nur Zentimeter von der ruhenden Hand entfernt.

Die Kobra sah, wie der prunkvolle Sarg in das Haus getragen wurde. Als die Gruppe eine Stunde später das Haus wieder verließ, schien der Sarg schwerer zu sein. Aber die Kobra wußte, daß der Mann da drinnen sehr wohl am Leben war.

Als der Wagen nach einer Stunde nicht zum Haus zurückkehrte, hatte die Kobra wenig Zweifel, daß es noch einige Leichen im Haus geben würde. Erst nachdem die Lichter bis tief in die Nacht nicht mehr angegangen waren, beschloß er, sich mal in der Cromwell Road Nummer 15 umzusehen. Es war 23Uhr15.

Paul Räder befand sich zu der Zeit bereits unterwegs in Richtung Reich.

Als die Kobra den Innenraum betrat, sah er zunächst den jungen Offizier, der auf dem Operationstisch festgebunden war. Dann sah er das nackte junge Mädchen auf einem schmaleren Tisch rechts von ihm. Räder hatte ihre Beine weit gespreizt an den Tischbeinen festgebunden. Ihre Hände waren aneinander gefesselt und am anderen Ende des Tisches fest-geschnallt. Der Körper des Mädchen war in einem scharfen rückwärtigen Winkel gebogen. Die Wirbelsäule krümmte sich nach innen. Es sah aus, als stoße ihr Becken auf obszöne Weise nach vorne. Er sah rote Striemen auf ihrem. Körper Sie schienen alle auf die erogene Zone zuzulaufen. Ein merkwürdiger Irrsinn lag in den Augen des Mädchens, eine fast listige, verführerische Art der Verrücktheit. So sah sie die Kobra an.

"Guten Abend", sagte er.

Die Stimme war sanft und tief. Völlig unter Kontrolle. Und sehr beruhigend. Er ließ die Worte wirken und nutzte den Moment, um die medizinischen Aspekte der Lage einzuschätzen. Wie erwartet, gab es keine bemerkenswerte körperlichen Verletzungen. Nur Blutergüsse und Schürfungen. Offenbar keine organischen Schäden oder innere Blutungen. Womöglich hatten sie schwere Schmerzen gehabt, aber jeweils nur in dem Moment, wo diese ihnen von außen zugefügt wurden. Das müßte jetzt schon alles verschwunden sein.

Lässig zündete die Kobra eine Chesterfield an. Er hätte ein Sach- bearbeiter sein können, der auf den Bus wartet. Dann steckte er die Zigarette zwischen die Lippen des jungen Fähnrichs. Flüchtig berührte der Amerikaner das Haar des jungen Mannes.

"Schöne Hochzeitsreise", sagte er gleichgültig. Aber der andere hatte den Funken Zartheit verstanden.

Die Kobra band das Mädchen los. Sie fiel auf den Boden und begann leise zu weinen. Er sammelte ihre Kleider ein und legte diese neben sie.

"Zieh' dich an", sagte er, "du hast solch schöne Kleider."

Sie schien ihn gar nicht zu bemerken. Sie lag nur da, murmelte leise, zusammenhanglos. Dann band er den am Glied blutenden Jungen los.

"Kümmer' dich lieber selbst darum", sagte die Kobra. "Waschen und pack' eine sterile Binde drauf. Ist das deine Freundin?"

"Wir kennen uns noch nicht so lange", krächzte der Junge schwach.

"Egal, pass' auf sie auf", sagte die Kobra zu dem verdutzten Jungen. "Zieh' deine Uniform an. Und schnell. Die Krauts können jeden Moment wieder hier sein."

Er ging in das Wohnzimmer und nahm Schmidt bei den Beinen. Er schleppte ihn aus dem Zimmer in Richtung Keller. Die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt. Die offenen, toten Augen starrten seltsam an die Decke. Als er ihn an den Beinen die Treppe herunterschleppte, klatschte der Kopf mit einem sachten jedoch hörbaren Aufschlag dumpf gegen jeder Stufe. Unten an der Treppe traf er Scotty. Der junge Mann starrte ihn abwesend an.

"Es gibt noch so einen Starren im Wohnzimmer. Hol' ihn", sagte die Kobra. In einer merkwürdigen roboterartigen Art stolperte der Jungen automatisch die Treppe hoch.

Das Mädchen hatte sich nun gänzlich angezogen. Sie saß auf einem der Stühle, als die Kobra mit dem toten Mann den Raum betrat. Abwesend betrachtete sie mit offenem Mund den Tisch vor ihr. Ein wenig Speichel war herunter gelaufen.

"Worauf wartest du?" fragte die Kobra. "Willst du nicht nach Hause?"

Er schlug ihr ein paar Mal ins Gesicht, hob sie dann an den Schultern hoch und schob sie aus dem Raum. "Geh' hoch und koch' Kaffee", sagte er, "koch' Kaffee, hörst du? Nur Kaffee, vergiß die Torte."

Sie schien es wahrgenommen zu haben.

Molly ging auf die Treppe zu, während die Kobra Schmidts Körper hineinschleppte. Als das Mädchen zur Treppe gelangte, stieß sie auf Scotty, der gerade Gotha an den Beinen herunterzog. Ihre Augen starrten auf die Leiche. Als Scotty an ihr vorüberging, drehte sich das Gesicht des toten Mannes. Sie konnte ihren Blick nicht abwenden. Die Augen waren offen. Nur das Weiße war zu sehen. Sachte rutschte das Mädchen zu Boden.

Die Kobra traf indes Scotty im Außenraum.

"Leg' die Starren zusammen, warte dann auf mich im Innenraum", sagte er. Im Wohnzimmer nahm er Menkes Kopf bei den Haaren und trug ihn nach unten. Molly öffnete die Augen. Sie bemerkte, daß sie auf einem zemen-tierten Boden lag und fragte sich, wie sie hier wohl gelandet sei. All-mählich kam sie wieder zu sich. Sie begann, die Geschehnisse der ver-gangenen Stunden wieder in den Griff zu bekommen. Es stimmte alles nicht. Es war ein Alptraum. Dann spürte sie überall, in ihren Geschlechtsteilen, in ihrem Körper ein brennendes Gefühl. Nach und nach dämmerte es ihr : dies war kein Alptraum. Was sie dachte, konnte nur ein Traum, der wirklich geschehen war, sein. Sie entschied sich auf-zustehen. Molly hob den Kopf. Als sie genau in dem Moment Menkes abgetrennten Kopf vor sich baumeln sah, legte sie sich wieder hin. Es war besser so.

Nachdem die Kobra den Kopf zu den Leichen von Schmidt und Gotha gelegt hatte, sah er Scotty an.

"Ich verstehe, daß du Offizier bei den 'Guards' bist", sagte er barsch. Scotty nickte schwach.

"Du warst wohl noch nie im Gefecht?"

"Ich komme gerade aus der Ausbildung, Sir", flüsterte der Junge.

"Aber du weißt, daß dieses Land sich im Krieg befindet und überall auf der Welt viele deiner Altersgenossen jetzt auf dem Schlachtfeld sterben?"

"Ja . . ."

"Du hast jetzt den ersten Geschmack davon abbekommen, Junge. Es war vielleicht etwas unüblich, aber Leichen sehen überall gleich aus. Verstümmelte Körper genauso. Also, dies sind deutsche Soldaten, die in deinem Land ihren Kommandoeinsatz hatten. Sie haben sich zu den anderen zehn Millionen Gefallenen dieses Krieges geschart. Da ist nichts besonderes dran. Du bist leicht verletzt, wie etwa zwei Millionen anderer Soldaten in diesem Jahr auch. Daran gibt es ebenfalls nichts besonderes. Alles klar?"

"Ja, Sir, absolut . . ."

"Jeder Mann reagiert nun einmal anders auf sein erstes Gefecht.

Weichlinge reagieren oft hysterisch oder schockiert. Bist du so einer?"

"Nein, Sir. Bei mir ist alles in Ordnung."

"Tut dein Glied dir weh?" Der Junge errötete merklich. Das Rot stieg vom Nacken hoch und verbreitete sich über den Wangen.

"Ja, Sir. Aber es wird wohl gehen."

"Wunderbar. Weißt du, wo die Eltern von dem Mädchen wohnen?"

"In Woodstock, Sir. Zwei Autostunden von hier."

"Gut. Ich möchte, daß du sie nach Hause fährst. Liefer' sie bei ihren Eltern ab. Kein Unsinn mit Krankenhäusern und Psychiatern. Das ist ein Befehl. Keine Publizität. Danach läßt du dich selbst untersuchen. Man wird dich beschneiden müssen. Erzähle denen einfach, daß du dich beim Fußballspielen verletzt hast."

"Was ist mit den Leichen, Sir?"

"Was denn?"

"Sollte man die Behörden nicht informieren?"

"Wir sind die Behörden."

"Ja, Sir . . . aber . . ."

"Sie sind in diesem abgeschotteten Raum, oder? Was wollen die noch mehr? Ich schließe hier ab und schicke Hitler den Schlüssel, wenn du möchtest. Los jetzt. Hier sind meine Autoschlüssel. Der Wagen steht vor Nummer 20 an der anderen Straßenseite. Fahr' den Wagen bis vor den Keller und nimm dann dein Mädchen mit. Während der Fahrt wird es ihr sicher besser gehen. Nachdem man dich untersucht hat, gehst du in deine Wohnung. Ich rufe an."

"Sir . . ."

Die Kobra sah den Jungen an, dessen Augen plötzlich voller Tränen waren.

"Wollen sie nichts über mein . . .Geständnis . . . wissen . . . ?"

"Die sind jetzt alle tot. Ist alles egal", sagte die Kobra, nachdem Scotty ihm die Einzelheiten mitgeteilt hatte. Plötzlich fühlte Scotty eine große Verehrung. Es war das Schwärmen eines Schuljungens. "Sir . . . "

"Worauf wartest du noch?"

"Ich möchte mich bedanken, Sir . . . dafür, daß Sie . . . unser Leben . . . gerettet haben . . ."

"Sicher. Mach dich jetzt auf."

Scotty wollte dem Mann die Hand geben. Dann überlegte er es sich nochmal. Der Mann war nicht der Typ dafür . . .

Erst dann begann ihm allmählich zu dämmern, daß er womöglich als Lockvogel benutzt worden war. Erst das Trampen, dann die Kinokarten. Der Agent sollte auf See sein. Er erwähnte es.

"Du wolltest doch, daß mal was los ist?" sagte die Kobra. Sie starrten einander an. Beide Männer wußten Bescheid.

Dann gingen sie.

Leider blieb Molly länger verwirrt, als die Kobra angenommen hatte.

Sie konnte stundenlang mit abwesendem Blick vor dem Fenster sitzen.

"Sie hätte nie nach London gehen sollen", sagte McGuinn zu seiner besorgten Frau.

"Dieser ganze Verkehr . . ."

Zurück in seiner Wohnung in Park Lane nahm die Kobra zunächst ein heißes Bad. Es war fast 4Uhr morgens als er schließlich ins Bett ging.

Während er eine Chesterfield rauchte, stellte er sachlich ein paar Überlegungen an. Scotty hatte die Einzelheiten über sein Auftauchen in der Emsmündung preisgegeben. Räder würde zweifellos für die Genauigkeit dieses Geständnisses einstehen. Der konnte es sich überhaupt nicht leisten, ohne Ergebnisse vor Himmler zu erscheinen. Bislang folgten alle seinem Drehbuch.

Der Schwindel war sorgfältig ausgearbeitet worden. Scotties Geständ-nis war erst nach der vermutlichen Ankunftszeit erhalten worden und ließ darauf schließen, daß ein Agent vom Norden aus in Richtung Berlin vorpreschte. Die Kobra war sich im Klaren darüber, daß die SS den Angriffsplan noch immer anzweifeln würde. Ein Mann wie Taurig konnte eine Falle förmlich riechen. Erst wurde Grundig umgebracht, dann die anderen drei. Taurig könnte womöglich auf die Idee kommen, daß der Junge als Lockvogel eingesetzt worden und sein Bekenntnis reine Schie-bung war. Aber er konnte es nicht einfach ignorieren. Er könnte seinen einzigen Hinweis nicht außer Acht lassen, nur weil er vermutet, daß es Tarnung ist. Die Saat eines beunruhigenden Gedankens war in den Kopf des Feindes gesät. Dies machte argwöhnisch, nagte, störte klares Denken, schickte die Geistesanstrengung in die falsche Richtung. Alle Entwicklungen waren bislang auf der ganzen Linie vorhersehbar gewesen, stellte die Kobra zufrieden fest. Und für das Unvorhersagbare gab es Spielraum.

Es war Zeit zu packen.

Um 11Uhr morgens wachte er nach einem tiefen, entspannten Schlaf auf. Es war Freitag, der 24.November, ein sehr klarer Tag. Nach einer schnellen Dusche und einem leichten Frühstück wurde die Kobra sehr aktiv. Er holte unter dem Bett einen schweren Koffer hervor, öffnete ihn und nahm die Ausrüstung heraus, die er in den vergangenen Wochen zusammengetragen hatte. Diese legte er in zwei Stapel auf das Bett. Einen der Stapel bestand aus belastendem Material, das er zu verbergen hatte. Er öffnete den Schrank und holte zwei deutsche Standard Armeekanister heraus. Er öffnete den Deckel des ersten und fuhr mit einem langen Schraubenzieher hinein, bis er auf festes Material stieß, etwa 13 Zentimeter unterhalb der Öffnung des Kanisters. Er drehte den Schraubenzieher herum bis er ein scharfes Klicken hörte. Dann zog er an dem Boden, der ziemlich leicht herauskam. Er fing an den Kanister mit dem belastenden Material zu füllen. Zwei Paar Nummernschilder mit korrespondierenden leeren Zulassungspapieren sowie mehrere blanko Marschbefehle. Zwei Identitätskarten mit leicht unterschiedlichen Bilder auf den Namen Schmidt und von Habermahl. Ein kleiner Kulturbeutel mit Haarfarbe, einem kleinen Kamm, einem kleinen Spiegel sowie Rasierzeug. Dann gab es ein Monokel, ein Eisernes Kreuz, eine Miniatur-taschenlampe, einen kleinen Handbohrer sowie einige andere Gegenstände, die er vor Ort brauchen würde. Schließlich fügte er eine Armbinde hinzu, die mit dem Wort 'ALARM' versehen war. Daraufhin stopfte er den Kanister mit tiroler Trachtenkleidung und drückte den Boden wieder in hinein. In den zweiten Kanister wurden Teile eines Collins HF-Sender Type E gepackt sowie ein kleines Rad mit dünnem Stahldraht, die zwei Gasbomben und der Rest der tiroler Kleidung. Den ersten Kanister markierte er mit einem Kreuz und band dann die beiden mit einem starken Seil zusammen, das benutzt wird, um Ausrüstung an dem Gurtwerk eines Fallschirms hängen zu lassen. Die verbleibenden, unkritischen Gegen-stände, verstaute er in einem SS-Ausrüstungssack. Darunter befanden sich eine kleine Schreibmaschine der Marke "Hermes", ein Verbandskasten, unter anderem mit einer Rolle breitem Pflaster, einem Fernglas, einer Schaufel, dem Schraubenzieher, um den Kanister zu öffnen, einer Aktentasche, einer normalen Armeegasmaske und schließlich einem Satz Nummernschilder mit korrespondierenden Identitätspapieren auf den Namen von Hauptmann Müller. Den deutschen Sack tat er in einer größeren von der Sorte, die von der britischen Armee benutzt wird. Dann nahm er eine Spritze und zwei Morphiumkapseln aus dem Verbandskasten im Badezimmer und packte diese in ein kleines Handtuch. Auch dieses ging in den Sack. Obenauf legte er die britische Armeeuniform sowie die gefälschten Pa-piere, die seine Versetzung zu Blakes Einheit anordneten. Um 14Uhr15 war er fertig und erlaubte sich ein kostspieliges Mittagsessen im 'Dorchester'. Dann ging er in aller Ruhe bei strahlendem Wetter im Hyde Park spazieren. Von 17 bis 21Uhr schlief er.

Als er seine ganze Ausrüstung zum Jaguar brachte, um nach Redhill zu fahren, wo er ein Zimmer gemietet hatte, war es 22 Uhr.

Am nächsten Tag, Samstag, dem 25.November, traf er abends den jungen Blake in 'The Bunch of Grapes' und erzählte ihm, daß er drei Tage frei habe. Am Sonntag, dem 26.November besuchte er den Jungen auf dem Militärflugplatz Redhill. Er trug seine Uniform und während der Mittagspause zeigte der Junge ihm stolz den Flugplatz. Den Rest des Tages verbrachte die Kobra hauptsächlich in Trödelläden, bis er schließlich am späten Montagnachmittag in einem Laden in der Nähe von Croydon einen lenkbaren Fallschirm gefunden hatte. Sein letzter Einkauf war ein Spezialschlüssel, mit dem man Toilettentüren von außen auf-schließen konnte.

Am Freitagabend, dem 1.Dezember, stieg die Kobra vor dem Haupteingang der Baracken des zweiten Airborne-Regiments in Redhill aus dem Bus. Als die Wache den Soldaten, der eine schwere Tasche sowie seinen eigenen Fallschirm bei sich trug, bemerkte, ließ er ihn, ohne die Papiere zu kontrollieren, vorbei. Einmal drinnen begab sich der Amerikaner sofort zu den Latrinen in der Nähe der Startbahn, die für die natürlichen Bedürfnisse in allerletzter Minute gedacht waren. Jetzt lagen sie verlassen da, aber das würde gegen 23Uhr, dem vorgesehenen Zeitpunkt für den Start von 24 Dakotas mit insgesamt vierhundert Fallschirmjägern zur Front in Luxemburg, wohl anders aussehen.

Die Kobra hatte Blake an den Abenden nach dem 25. November regelmäßig getroffen und erst gestern von dem geplanten Absprung erfahren. Es war ein langer Spaziergang zur Startbahn. Kalt und dunkel war es. Es schneite. Ein eisiger Wind wehte, eisig genug, um die Ohren frieren zu lassen, aber nicht um die Flugzeuge an Land zu halten. Der Platz war voller Wagen und Soldaten, die schnell und womöglich planlos umherliefen, angespannt und kampfbereit. Im Latrinengebäude stellte die Kobra seine Ausrüstung in der letzten von zehn Kabinen ab, hing ein Pappschild mit dem Text 'out of order' an die Tür, die er vorher von außen abgeschlossen hatte. Dann ging er in die nächste Kabine. Jedes-mal, wenn eine benutzt worden war, wechselte er in die nächste über, insgesamt fünf Mal während der folgenden Stunde. Um 22Uhr begannen sich die Dakotas auf dem Rollfeld einzureihen und die Männer wurden in einem nahegelegenen Hangar versammelt. Die Kobra ging um 22Uh13 hin. Die gefälschten Versetzungspapiere für die dritte Einheit trug er bei sich. Die Männer beschäftigten sich mit der letzten Überprüfung ihres Fall-schirms. Niemand bemerkte ihn. Um 22Uhr25 sah er Blake aus der Ferne und behielt im Auge.

Die Kobra kannte nur zwei Männer aus Blakes Einheit: Blake und denjenigen, den man Rakete nannte. Noch wußte er nicht, welchen der beiden er ersetzen würde.

Er sah die Rakete um 22Uhr32.

Um 22Uhr38 verließ die Rakete den Hangar in Richtung Latrinen. Die Kobra folgte ihm mit Abstand und holte ihn kurz vor dem Gebäude ein. Er sah, wie er in die dritte Kabine ging. Vier weitere waren besetzt. Die Männer kreischten auf, als die Lichter ausgingen. Einen Moment später hatte er die Kabine der Rakete geöffnet und dem Jungen mit voller Wucht einen Kinnhaken versetzt Er schloß die Tür hinter sich.

Der Junge war ohnmächtig und merkte von der Morphiumspritze, die ausreichen würde, um ihn bis zum folgenden Tag schlafen zu lassen, nichts mehr. Die Kobra verließ die Kabine und holte seine Ausrüstung ab.

In dem schmalen Gang trafen jetzt mehr Männer ein, aber es war noch immer dunkel, als er das Gebäude verließ. Draußen sah er, wie die Männer vor den Dakotas Aufstellung nehmen. Blake entdeckte er vor dem vierten Flugzeug. Ein Offizier führte die letzte Inspektion durch und verlas dann eine Liste, mit den Namen der Männer, die in die C47 beordert wurden. Die ersten beiden Dakotas verließen bereits den Rollplatz in Richtung Startbahn.

Der Offizier war verwirrt, als sich herausstellte, daß ein Mann vermißt wurde, fuhr aber kurz danach trotzdem fort, die Männer in das Flugzeug zu jagen. Gerade als der letzte Mann einstieg, rannte die Kobra auf die Dakota zu, kurz bevor die Tür zugemacht wurde.

"Dritte Einheit?" brüllte er den Einsatzleiter an, als der Motor gestartet wurde.

"Ersatz?" fragte der Mann schnell, als er die Kobra an Bord zog.

Ein Moment später kam das Flugzeug in Bewegung und die 640 Meilen, die die Kobra vom Adlersnest trennten, begannen, sich zu verringern.

zuruck nach Books by Haylitt Retief   -  Kapitel Zwölf

Copyright Haylitt Retief and associates ©