KAPITEL EINS

Chicago 1929.

Der Junge hatte die Klapperschlange nun schon lange beobachtet.
Diese schien den schlanken, acht Jahre alten Jungen, der ihr da gerade auf dem schmalen Fels gegenüberlag, gar nicht zu bemerken.
Der Junge blieb ziemlich ruhig.

Langsam bewegte er die rechte Hand in die Richtung des Reptils, das in der warmen Sonne zu schlafen schien. Die Hand war nur noch ein paar Zentimeter vom Kopf der Schlange entfernt. Gerade als der junge Jäger das Tier mit einem festen Griff im Nacken packen wollte, hörte er den Schrei.
Der Schrei kam ihm unwirklich vor. Er hatte nichts zu tun mit der Wirklichkeit, die er kannte.

Und doch war er aus der Hütte gekommen. Das konnte nur eines bedeuten.
Seine Mutter lag im Sterben.
Jemand, der am Leben bleiben würde, hätte so nicht schreien können. Der Junge blieb regungslos, als ob er das tödliche Reptil, das er gerade noch hatte fangen wollen, nicht stören wollte.
Dann zog er allmählich die Hand weg, so langsam, daß ein erfahrener Beobachter es vielleicht gar nicht bemerkt hätte.
Schließlich stand er ruhig auf und ging auf die Hütte zu.
Ingrid Johanson sah viel jünger aus als vierundzwanzig, aber ihre Schwangerschaft und die Schmerzen, die mit den einsetzenden Wehen an-gefangen hatten, gaben ihrem Gesicht einen merkwürdigen, erregten Aus-druck.
Ihre Nägel gruben sich in das Fleisch des blonden, jungen Mannes, der sie, in einem verzweifelten Versuch es ihr bequem zu machen, fest in den Armen genommen hatte.

Björn Johansen war sechsundzwanzig Jahre alt. Er hatte Ingrid mit achtzehn geheiratet, als sie bereits den ersten Sohn erwartete.

Zwei Jahre später waren sie nach Amerika emigriert, um ihr Glück zu versuchen.
Als der Junge die Hütte betrat, stürzte er sich auf seine Mutter, die auf dem Bett lag. Sie streckte die Arme nach ihm aus, und er kuschelte sich neben sie.Verzweifelt küßte sie sein Gesicht und drückte ihn näher an sich heran. Plötzlich bekam ihr Gesicht groteske Züge. Sie schrie wieder. Ihr Körper krümmte sich in krampfhaften Zuckungen.
Björn legte ruhig die Hand auf den Bauch seiner jungen Frau.
"Es kommt", sagte er. "Das schaffen wir schon. Es hat kein Sinn auf diesen Arzt zu warten."
Vorsichtig zog er seiner Frau das Kleid aus.
"Hol' ein paar Tücher", sagte er zu seinem Sohn, den er sanft aus der Umklammerung seiner Mutter löste. Dann, indem er sie sorgsam in den Armen hielt, legte er die Hand auf die anschwellende Scheide.
"Ganz ruhig jetzt. Alles kommt in Ordnung. Wir drei schaffen das schon."
Innerhalb einer Stunde war alles vorbei.
Als das Kind herauskam, hatte Björn verzweifelt probiert das gewaltige Bluten zu stoppen. Es war eine schreckliche Geburt.
Ingrid hatte das Bewußtsein verloren, als das Kind halbwegs heraus war, aber das Blut aus der geborstenen Scheide war stetig weitergeflossen.
Björn hatte versucht das Kind vorsichtig herauszuholen.
Aber es saß in der Bewußtlosen fest.
Dann hatte er es mit Kraft versucht, wobei er einen Fuß auf den Oberschenkel seiner Frau gestemmt hatte und zog. Als das Kind dann schließlich kam, war ihm sofort klar, daß es nicht leben würde. Vergeblich hatte er sich darauf konzentriert, alles Mögliche zu tun, seine zu Tode blutende Frau zu retten. Er sah jedoch bald, wie das Licht in ihren Augen erlosch und hatte um seine Ungeschicklichkeit geweint. Er drückte sie an sich, als wollte er ihre nunmehr davongegangene Seele noch trösten. Schließlich hatte der Junge seine schmale Hand auf das Gesicht seines Vaters gelegt und gesagt: "Jetzt sind wir nur noch zu zweit. Wir begraben sie besser." Ruhig zog er seinen verzweifelten Vater vom Blutbad weg, weil er instinktiv spürte, daß dies nun seine Aufgabe sei. Björn sagte: "Vergiß das nie, mein Junge. Die haben deinen Bruder und deine Mutter sterben lassen, bevor sie eine Chance zum Leben hatten. Keiner kümmert sich um Leute wie uns." Und so, als der Junge merkte, wie sein Vater wieder zu sich kam, sah er, wie der Haß wuchs. Haß gegen das Land, das Björn vor Jahren verlassen hatte, Haß gegen das Land, das ihm aufgenommen hatte, aber durch seine am Boden liegende Wirtschaft nicht im Stande gewesen war, ihm eine Chance zu geben, für seine noch junge Familie zu sorgen. Aber über alles, Haß gegen jenen Mann, der nicht rechtzeitig gekommen war, um dabei behilflich zu sein, seinen zweiten Sohn in diese lausige Welt zu setzen.
Als Doktor Adams nach einem erschöpfenden Tag, an dem er seine über das Land verstreuten Patienten besucht hatte, endlich eintraf, hatte Björn seelenruhig die große Axt genommen, mit der er die Bäume, die er für eine neue Scheune brauchte, fällen wollte. Während Adams noch immer voller Unglaube das schreckliche Blutbad betrachtete, drang die Axt in seinen Schädel ein, wo sie sogar steckenblieb, nachdem der tote Arzt zu Boden gegangen war.
Björn begrub seine Frau sowie das tote Kind im Wald.

Dann ging er mit seinem Sohn davon. Der Arzt ließ er da, wo er vom Tod erwischt worden war. Die Hütte zündete er an.
Am nächsten Tag wurde im ganzen Land nach ihnen gefahndet, aber am selben Abend noch, saßen sie in einem Zug nach Kalifornien und waren binnen zwei Tage tausend Meilen vom Tatort entfernt. Der Mann und der Junge waren nun länger als ein Jahr durch das Land gewandert, bis eines Tages das Gesetz ihnen dicht auf den Fersen war.
Es war ein Jahr gewesen, an das sich der Junge mit großer Freude erinnerte. Nach ein paar Monaten hatten sie den Verlust verkraftet und sich an ihr neues Leben gewöhnt. Obwohl der Junge mit seinen Eltern in der Hütte glücklich gewesen war, liebte er es auch mit seinem Vater, den er jetzt ganz für sich allein hatte, durch das Land zu wandern.

Sie schliefen mal in Scheunen, mal im Wald, lebten von kleinen Diebstählen, mußten sich immer verstecken und waren stets auf der Flucht. Sie ritten auf gestohlenen Pferden oder fuhren heimlich mit im Zug.
Für den Jungen war es ein großes Abenteuer, obwohl er die Angst, die seinen Vater manchmal überfiel und depressiv machte, spüren konnte.

Björn konnte stundenlang schweigend dasitzen und gelassen den weiten Horizont oder den Himmel, der ihr Dach war, betrachten.Er sagte: "Denk daran, so kann es nicht weitergehen. Es ist nur eine Frage der Zeit. In der kurzen Zeit, die wir vielleicht noch zusammen sind, werde ich dich alles lernen müssen, was ich kann. Dann wirst du allein sein. Allein auf einer Welt, in der jeder dein Feind ist." Eifrig hatte der Junge sich die unterschiedlichen Kampftechniken angeeignet, die sein Vater auf den Schiffen, wo er als Junge mitgefahren war, erlernt hatte. Immer wieder hatte er die besonderen Schläge und Tritte, die mit solchen exotischen Namen wie "kin-geri", "oy-zuki" und "mae-geri" bezeichnet wurden, geübt, bis er im Alter von neun Jahren geschmeidig und athletisch war, stark und voller Haß gegen jene Welt, die letzten Endes seinen geliebten Vater umbringen würde: die einzige Person, die er noch besaß.

Die Männer waren nachts gekommen, als er mit seinem Vater in einem verlassenen Teil einer Kupfermine geschlafen hatte. Sie hatten versucht ehrliche Arbeit zu bekommen. Aber der Vorarbeiter hatte ihre Namen überprüft und festgestellt, daß sie sich falsch ausgewiesen hatten. Daraufhin hatte er weitere Erkundigungen angestellt und die beiden mit Versprechungen auf Arbeit bei der Stange gehalten.

Der Junge hatte die Hunde schon gehört, als sie noch unten am Hügel waren und war sich blitzschnell klar darüber gewesen, daß sie wieder fliehen mußten. Björn jedoch, ständig auf der Hut, hatte schon einen Fluchtweg vorbereitet und den möglichen Verfolgern eine tödliche Falle gelegt.
Am vorangegangenen Tag hatte er seinen Sohn zehn Stäbe Dynamit sowie einen Zünder mit ausreichendem Kabel stehlen lassen.
Das Dynamit wurde unter einem großen Felsblock in der Nähe des Pfades versteckt. Der Zünder wurde etwa 40 Meter höher im Hügel gelegt. Jen-seits des Hügels lag ein Bauernhof, wo es Pferde gab. Von dort aus konnten sie ihre Flucht fortsetzen
Aber als der Junge mit seinem Vater, verfolgt von der Meute unten, den Pfad hochliefen, wurden Leuchtkugeln hochgeschossen, die den Hügel erleuchteten. Björn wurde sofort von den Kugeln der bewaffneten Männern durchsiebt. Als er in den Armen seines Sohnes starb, flüsterte er nur noch ein paar Worte: "Laß dich nie von denen erwischen, Junge...Denk' an mich..."

Der Junge legte seinen Vater ruhig an eine Seite des mit Dynamit versehenen Felsblockes.

Dann nahm er Björns Jacke aus Kobraleder an sich, und nachdem er noch ein paar Blumen auf die durchlöcherte Brust seines Vaters gelegt hatte, flüchtete er weiter den Hügel hinauf in Richtung des versteckten Zünders. Das Schießen war eingestellt worden, aber neue Leuchtkugeln hatten das Gebiet in Tageslicht getaucht. Kühn stürmten die Männer dicht aneinander gedrängt mit ihren Hunden den Hügel, überzeugt, daß die Flüchtenden tot seien.

Bald stießen sie auf Björn und scharten sich um die geschmückte Leiche.

Der Junge zündete die Ladung.

Die darauffolgende Explosion ließ eine beträchtliche Anzahl von den Fenstern in den zwei in der Nähe liegenden Dörfern zerspringen und war meilenweit zu hören. Durch die Lawine herunterfallender Steine wurden zwanzig Männer zerquetscht.

Niemand war mehr lebendig aus dem Steinhaufen hervorgekommen.

Durch die Panik der Dorfbewohner konnte der Junge ungesehen davonkommen.

Am nächsten Tag fuhr er mit einem Zug gen Osten, so wie er es mit seinem Vater schon mal getan hatte.

Jetzt war er allein, jedoch gut vorbereitet.

 

Dachau, Frühling 1929.

Die Sonne würde nun bald untergehen, aber eine Weile müßte es wohl noch hell bleiben.

Die kleine Insel war verlassen.

Nur der Junge und das Mädchen waren noch da.

Taurig war eine halbe Meile über den See gerudert und hatte dabei stolz seine gewaltige Kraft gezeigt. Es war so warm, daß er sich das Hemd ausgezogen hatte.

Die Sonne hatte den dreizehnjährigen Jungen kräftig schwitzig lassen. Der blonde Junge, ein 1 Meter 80 großes Muskelpaket, hatte sich auf den warmen Sand gelegt, um sich auszuruhen, und gab vor zu schlafen.

Verstohlen hatte er Mandy aus einem Augenwinkel beobachtet.

Sie waren nur zu zweit. Wie es in seinen Träume immer gewesen war.

Sie waren über die kleine Insel gerannt und hatten versucht einander zu fangen. Nun waren sie müde.

"Wir sollten jetzt gehen", sagte Mandy. "Es ist schon spät."

Mit ihren neunzehn Jahren hatte sie deutlich die Führung.

Taurig blieb regungslos. Wenn er weiter so stilliegen würde, müßte sie ihn wohl wecken.

"He..."

Er spürte, wie ihre Finger ihn berührten. Zuerst das Gesicht, dann fuhren sie sachte herunter. Eine sanfte Berührung, verspielt. Sorgfältig die kritische Gegend meidend. Aber nur gerade so eben.

Unmöglich hätte sie die sofortige Antwort, die aus seiner engen Schwimmhose kam, übersehen können. Taurig fühlte sich in Verlegenheit gebracht, war jedoch auch stolz, als er intuitiv ihre Erregung spürte.

So war es ihm auch ergangen, als sie ihn während der alljährlichen schulärztlichen Untersuchung gemessen hatte. Damals stand er nackt da.

Er war bis zum Nabel gekommen. Sie hatte vorgegeben es nicht zu merken.

Und nun das hier.
Mandy von Brecklinghausen hatte einige Aufgaben ihres Mannes nach seiner Krankheit übernommen. Die schulärztliche Untersuchung war einen Teil davon.

Sie war diplomierte Arzthelferin. Zu der Zeit eine der wenigen in Dachau.

Doktor Ernst von Brecklinghausen hatte ihr damals, als ihre ganze Familie verdorbenes Fleisch gegessen hatte, das Leben gerettet. Nur Mandy hatte überlebt. Es schien nur logisch, daß die damals zehnjährige Waise beim unverheirateten von Brecklinghausen, der mit seiner Mutter zusammenlebte, einzog.

Als Machteld von Brecklinghausen im Alter von 92 Jahren friedlich eingeschlafen war, blieben Mandy und Ernst allein in der großen, verlassenen Villa.

Mandy war damals fünfzehn und Ernst siebenundsechzig Jahre alt.

Dank seiner zarten Haut und frischer Gesichtsfarbe sah er jedoch wie knapp vierzig aus.

Für das stattliche Brecklinghausensche Gut gab es noch keinen Erben. So schien die Heirat drei Jahre nach der Tod der Mutter eine vernünftige Lösung.

Jetzt war Mandy die Erbin. Und es müßte einen Erben geben.

Ernsts Alter wurde durch Reichtum, Kenntnis und unendliche Weisheit wettgemacht.

Ernst von Brecklinghausen war schließlich Dachaus Gott.

Mehr als sechshundert Gäste wohnten der Hochzeit bei.

Der Mann und die junge Frau wurden, aus welchen Gründen auch immer, beneidet.

Fast zwei Jahre nach der Hochzeit gab es noch immer keine Erben.

Das Paar widmete sich dem Wohlergehen der Dorfbewohner. Diejenigen, die damals aufgebracht waren, hatten sich wieder beruhigt.

Die Ehe wurde nicht vollzogen.

Von Brecklinghausen war in seiner unendlichen Weisheit zu einer ehrenwerten Entscheidung gekommen. Nicht nur hatte er sein ganzes Leben den Dorfbewohnern geweiht, nun würde er auch seine Ehe dem Gedächtnis seiner wunderschönen, jüngferlichen Braut opfern.

Es würde einen Erben geben. Aus anderer Ehe dann.

Zu seinem einundsiebzigsten Geburtstag wurde auf dem Dorfplatz ein kleines Standbild enthüllt. Nun hatten sie ihren Gott für immer . . . und ewig.

Nicht lange danach wurde er krank. Die Krankheit verschlimmerte sich

schnell. Als Ernst sich hinter der reichgeschmückten Fassade seiner Villa zurückzog, übernahm Mandy seine Routinearbeit.

Gott hatte einen Engel geschickt, der dem treuen Diener in seiner Sterbestunde beistehen würde.

Am Standbild wurden Kerzen angezündet, in den Schaufensterläden sowie auf manch einem Kaminsims erschienen Bilder von ihm.

Er war in den Gebeten der Dorfbewohner. Mandy schien untröstlich.

Dann erschien Taurig.

Mandy nahm etwas warmen, weißen Sand und ließ ihn spielerisch über den leicht braungebrannten Körper des Jungens rieseln. Danach begann sie den Sand mit ausgelassenen Zügen wieder zu entfernen und berührte dabei manchmal die kräftige Härte, die von der kurzen Hose unmöglich versteckt werden konnte.

Mandy hatte, außer Taurigs, noch nie vorher ein erigiertes männliches Glied gesehen. Sowie sie noch nie das merkwürdige Feuer, das sie zugleich zittern und brennen ließ, in ihr gefühlt hatte.

Sie wurde naß.

Alles war neu für sie.

Taurig blieb regungslos und gab vor nicht zu merken, was los war.

Mandy zögerte. Etwas Sand rieselte in die Hose des Jungen.

Sie wartete.

In einem scheinbaren Versuch den Sand wegzuwischen, verschwand die Hand in der Hose.

Das Fleisch wurde berührt, dann umfaßt . . .

Der Junge blieb reglos.

Schnell hatte das Mädchen mutig die arrogante Herausforderung aus der Hose befreit. Sie sprang heraus wie eine zu lange festgehaltene, aufgewickelte Feder.

Ein paar Vögel, die über die Insel flogen, waren die einzig verblei- benden Lebewesen in ihrem Reich. Die warme Luft eines Sommertages umhüllte sie, die Sonne war untergegangen. Es mußte bald passieren. Sie sollten es nicht riskieren, in der Dunkelheit zurückfahren zu müssen.

Kaum, daß sie angefangen hatte, mit ihm zu spielen, schoß die pure, weiße Essenz heraus und landete auf seinem Bauch, der rechten Schulter und dem warmen Sand. Der Junge war aufgesprungen und davongerannt.

Mandy war vor Schrecken erstarrt.

Aber als der Junge zurückgekommen war, lachte und wie verrückt um sie herumlief, fröhlich anfing mit warmem Sand nach ihr zu werfen, wußte sie Bescheid.

Er hatte sich lediglich gesäubert.

Später, als er sie zurückruderte, hatten sie ein gemeinsames Geheimnis.

Es war der Anfang einer wunderbaren Freundschaft.

 

Das Klopfen an der Schlafzimmertür war nicht sehr laut, aber sie hatte trotzdem gezittert.

Wie versteinert lag sie im Bett und wartete, bis es endlich geschehen würde. Erst das langsame, unregelmäßige hin und her bewegen der geschwollenen, nackten Füßen im Flur. Er schleppte seinen zerstörten Körper mit sich, nahm oftmals eine Pause. Nun konnte sie ihn draußen vor der Tür überlaut atmen hören.

Die unverschlossene Tür.

Es war ihr letztes Opfer gewesen. Die Tür nie abzuschließen.

"Mandy . . . Mandy . . . Mandy . . ."

Immer wieder der gleiche, geflüsterte Name. Erst seit kurzem wurden andere Wörter hinzugefügt. Wörter von einem Menschen gesprochen, der nicht mehr sprechen konnte, ohne lispeln zu müssen, der nicht mehr im Stande war, den Speichel, der aus jenem edlen Mund tropfte, zu beherrschen. Die Tumore nagten an seinem Gehirn. Innerhalb eines halben Jahres hatte sich die Veränderung vollzogen. Die Natur forderte ihre Gabe, die der scheinbar ewigen Jugend, wieder ein.

"Mandy . . . Mandy . . . Lass mich doch nicht allein sterben . . . ohne Erben . . ."

Der Junge unter der Decke erzitterte.

Er kannte den Arzt gut. So wie jeder im Dorf. Aber er hatte ihn nun schon seit über einem Jahr nicht mehr gesehen.

Jenem Geschöpf, das da draußen murmelnd vor der Tür stand, war er nie begegnet.

Zart nahm Mandy ihn in die Arme, hielt sein Gesicht an ihre Brust und streichelte seine goldene Locken.

"Schon gut...schon gut, mein Kind, er kommt nicht 'rein . . ."

Im Dorf waren die meisten Lichter ausgegangen.

Es wurde gebetet.

Sie brachten ihrem Gott die Reverenz.

Taurig mußte nun bald gehen. Er sollte nicht riskieren, daß man ihn im Waisenheim vermissen würde.



Schließlich hatte das bösartige Wachstum im Gehirn des Arztes jene Gebiete erreicht, die die Emotionen steuern.

Es war fast über Nacht geschehen.

Tagsüber war er rastlos und letzlich gar aggressiv. Mandy hatte Angst vor seinem fieberigen Stieren. Es schien nun wieder so viel Energie in den ruinierten Körper ihres Mannes zurückgeflossen zu sein, daß es dem letzten Aufbäumen des Lebens glich.

In ihrer unermeßlichen Grausamkeit war die Natur von Brecklinghausen jedoch auch freundlich gesonnen: Bis zum Ende wurde er nie von Mandy abgewiesen. Sie hatte nie aufgehört den Mann, der sie vom Tode gerettet hatte, zu lieben. Tag für Tag hatte sie die in ihm vorgehenden Veränderung mit angesehen und sich an seine verstohlenen Blicke gewöhnt. Er würde immer noch in ihren Armen sterben, und das Mädchen würde ihm verzweifelt nachtrauern.

Aber einen Erben...einen Erben noch . . .

Wäre das der endgültige Preis, um ihr Gewissen zu beruhigen?

Jene Nacht ließ sie, weil sie die Anwesenheit des Schicksals spürte, Taurig nicht in das Haus. Aber der Junge gelangte, getrieben von einem rastlosen Feuer, über das Dach hinein.

Als er den Lärm hinter der verschlossenen Tür hörte, wußte er, daß er nicht hereingehen sollte. Aber der alles durchdringende Schrei seiner geliebten Göttin, blendete ihn, und kampfbereit wie ein junger Löwe stürmte er in das Zimmer.

Als er sein schönes, junges Mädchen unter dieser wogenden Schreckens-masse liegen sah, war seine Welt zerstört.

Mit dem schweren, silbernen Kerzenleuchter von Mandys Frisierkommode zerschmetterte er den Kopf des Doktors. Dann flüchtete er verzweifelt in die ihm feindlich gesonnene Welt.

Einsam wuchs er im Dorfgefängnis auf.

Erst als man ihn mit achtzehn Jahren entließ, erfuhr Taurig die Einzelheiten bezüglich seiner Geburt.

Eines Tages ging er zum Grab seiner Mutter, das in jenem für Selbstmörder abgesonderten Teil des Friedhofes lag. Er bekam ihre einfache Habe, die er als Erinnerung an seine Jugend an sich nahm. Er verließ Dachau voller Haß.

Sein Glück wollte er in der großen, weiten Welt versuchen.

Diesen Ort würde er nie wieder besuchen. Dem neuen Erben des Brecklinghausenschen Gut würde er nie begegnen.

Der Junge wurde sechs Monate nach dem Tod des Arztes geboren und sah Taurig sehr ähnlich.


Bergen Belsen 1929.

Es lag eine dünne Schneedecke über dem Land. Obwohl es noch sehr früh war, leuchteten in einigen Häusern des kleines Ortes Bergdorf die Lichter bereits.

Die Eltern der Schulkinder hatten sich die Probe für das Weihnacht-spiel, mit der die Kinder der sechsten Klasse beschäftigt gewesen waren, angeschaut. Nun lauschten sie dem Chor, der zum Abschluß noch ein paar Lieder sang.

Als die Sopranstimmen der Jungen aufklangen, schnieften ein paar Mütter. Einige Taschentücher waren zu sehen, als das letzte Lied ertönte :


Freude, schöner Götterfunken

Töchter aus Elysium

Wir betreten feuertrunken

Himmlische, dein Heiligtum


Der Junge, der das Solo sang, war groß, schlank, blond und hatte blaue Augen. Die ruppigen Dorfkinder, mit denen er nicht spielen durfte, hatten ihm wegen seines klassischen Aussehens, den Spitznamen 'Schöner Pauli' verpaßt.

Die Menschen hielten den Atem an und sahen dem schönen Jungen fasziniert zu. Die kristallklare Stimme schien sich wie von selbst von ihm zu lösen und bekam, als sie durch die große Halle über die Köpfe der völlig erstaunten Eltern hinwegschwebte, eine eigene Identität.

Als die letzte Strophe mit beeindruckender Mühelosigkeit und absoluter Selbstkontrolle gesungen worden war, zitterte das Publikum vor unbändiger Erregung:

Alle Menschen werden Brüder

wo dein sanfter Flügel weilt

Seid umschlungen Millionen!

Diesen Kuß der ganzen Welt!

Jenen Abend verbrachte Frau Charlotte Räder kniend am Bett ihres Sohnes, als sie zusammen geneigten Hauptes das Gebet sprachen. Sie umarmte ihn, bevor sie ihn zwischen die frischen, weißen Laken steckte.

Später lasen Paulis Eltern nochmal den Brief, den sie vom Direktor der Wiener Sängerknaben erhalten hatten.

"Oh Paul, wäre es nicht schön, wenn er ein berühmter Sänger werden könnte?" flüsterte Charlotte.

"Unsinn!" sagte Dr.Räder barsch. "Der Junge wird Arzt, so wie ich, so wie sein Großvater."

Unglücklicherweise verlor Dr.Räders Familie bei einem Autounfall das Leben.

So war der schlanke Junge mit zwölf Vollwaise.



Der Professor und seine vier Assistenten waren in Weiß gekleidet.

Die Tür zur schmalen Zelle stand offen. Von der weißgetünchten Decke brannte eine Lampe herab. Der Ort glich einem Ofen.

Auf einem weißen Laken lag ein Junge.

Er lag auf dem Rücken.

Seine Hände und Füße waren an beiden Seiten des Bettes festgeschnallt. Man hatte ihm ein 10 mal 15 Zentimeter großes Pflaster, das ein kleines Loch in der Mitte aufwies, auf den Mund geklebt.

"Er ist zur Zeit selbstverständlich nicht wirklich am Leben", sagte der Professor. "Er vegetiert bloß."

"Warum treten die Augen so stark aus den Augenhöhlen hervor?" fragte eine Assistentin.

"Exophthalmus ist Teil des Syndroms, das auftritt, wenn der Entzug unter diesen Bedingungen durchgeführt wird", sagte der Professor unwirsch.

"Hat er keine Schmerzen?" fragte die Frau weiter.

"In diesem Stadium sind wir an Schmerzen gar nicht interessiert", antwortete der Professor. "Nur der Erhalt des physiologischen Lebens ist jetzt wichtig. Fühlt eine Pflanze so etwas wie Schmerzen?"

Es wurde verlegen geschwiegen.

Unbeeindruckt fuhr der Professor fort: "Er wird nicht glücklich sein, aber man sollte bedenken, daß Krankheit selten eine fröhliche Angelegenheit ist. Sollte er Schmerzen haben, so dienen diese nur der Erholung des Kindes. So schnell wird er nicht wieder Drogen nehmen. Und vergessen Sie bitte nicht, daß nicht wir ihm die Schmerzen beibringen. Er hat sie sich sozusagen selbst zugelegt. Wir erhalten hier nur das Leben des Kindes."

In diesem Moment begann der Kopf des Jungens zu zucken. Das feuchte, blonde Haar fiel schräg über das Gesicht. Der Magen und das Brustbein begannen zu zittern.

Etwas Kotze und blutiger Schleim rieselten durch das Loch im Pflaster.

"Sie bemerken jetzt sicherlich wie wichtig es war, ein Loch anzu- bringen", sagte der Professor. "Erbrechen ist selbstverständlich Teil des Syndroms."

Er holte ein Thermometer aus der Brusttasche und steckte dieses zielsicher in das sich übergebende Kind. Drei Minuten später nahm er das Instrument wieder heraus und zeigte es siegesgewiß seinen Assistenten.

"Über vierzig Grad, wie Sie sehen. Ein wunderbarer Fall! Wir haben Glück gehabt, ihn für die Universitätsklinik bekommen zu können."

"Ich hörte, daß in manchen Ländern der Entzug systematisch mit Methadon begleitet wird", brachte die junge Frau nochmal ein.

Ihre Stimme hatte einen leicht emotionalen Unterton, aber es war schwierig die Qualität des dazugehörigen Gefühls zu entdecken.

"Sicher", sagte der Professor barsch. "Und in manchen Ländern verwendet man Akupunktur oder gar Blutigel. Wissen Sie, für das, was er jetzt durchmacht, wird er eines Tages dankbar sein. Wenn er es je verstehen wird. Dann wird er der Menschheit seine Schuld zurückzahlen. So wie es sich gehört. Denk daran, Junge . . ."

Hinter dem Pflaster beobachtete Pauli Räder die Lippen der weiß- gekleideten Personen in der Zelle. Sie redeten in einer Sprache, die er kaum verstehen konnte.

Als er aus dem Waisenheim geflüchtet war, wußte er, daß das nicht

richtig war. Ilse hatte ihm gesagt, er würde in der Hölle landen, für immer und ewig verloren sein. Aber Pauli hatte sich überlegt, daß es kaum schlimmer kommen konnte, als das, was Ilse und die Jungen ihm im Heim antaten.

Nun wußte er es besser.

Die Teufel hatten ihn schließlich erwischt. Als die Schmerzen kamen, hatten sie ihn gefesselt. Die Schmerzen in seinen Knochen nahmen Tag für Tag zu, als ob sie alle gebrochen waren. Ihm war von innen heiß und kalt zugleich.

Vier Tage hatte er jetzt nicht mehr geschlafen, aber dessen war er sich nicht bewußt.

Für Pauli war die Zeit stehen geblieben.

Er schwebte auf einem engen, weißen Fluidum zusammengeballter Schmerzen.

Die Wände rückten auf ihn zu. Er konnte nicht länger atmen. Die Nase war voller Kotze.

Seine Hilfeschreie kamen nie hinter dem Pflaster hervor.

Der Professor schloß die Ofentür.

Pauli war wieder allein. Allein in seinem brennend heißen, weißen Sarg, der immer enger zu werden schien. Die Wände erdrückten ihn

Er versuchte, sich selbst kleiner zu machen, aber die Fesseln lähmten ihn.

Wieviel kleiner konnte ein kleiner Junge werden?

Würde er es je vergessen?

 

Nachdem er zwei Nächte in der Kälte vor dem Bahnhof Zoo geschlafen und seitdem nichts mehr gegessen hatte, traf er Kwolle. Der alte Mann hatte ihn mit zu sich nach Hause genommen, zu Essen gegeben und gebadet. Er ließ ihn dann in seinen Armen in seinem Bett schlafen. Pauli hatte es warm gehabt und sich wieder in Sicherheit gefühlt.

Das andere war weiter nicht so schlimm gewesen. Es war schon so oft passiert im Kinderheim.

Pauli merkte bald, daß der alte Mann alles für ihn tun würde, so weit es in seiner Macht lag. Kwolle hatte fürchterliche Angst, Pauli wieder zu verlieren. Zum ersten Mal fühlte Pauli wieder die Sicherheit eines Zuhauses.

Er mochte den Mann, aber nicht auf die Art, wie dieser nach ihm verrückt war. Außerdem war er ja ein armer Mann. Es wäre besser, wenn er Geld hätte.

Pauli dachte an einige der Männer am Bahnhof, die ihn auf diese merkwürdige Art ansahen. Einige derer schienen reich zu sein.

Was wäre, wenn ein reicher Mann sich um ihn kümmern würde, so wie Kwolle es jetzt tat? Oder gar eine Reihe von reichen Männern? Würde ihn das nicht auch reich machen? All diese Männer für sich zu haben? Er hatte keine Angst, daß sie ihn zu Ilse zurückbringen würden. Die hatten alle so eine Angst.

Hier entdeckte Pauli, wo seine Macht lag : Pauli entdeckte die Macht des Kindes.

Er hatte nie etwas gehabt, was ihm ganz allein gehörte, noch hatte er je Macht über sich selbst gehabt, geschweige denn über andere.

Kwolle hatte dies alles schlagartig geändert.

Mit seiner Macht, hatte er Pauli seine Identität gegeben.

Er, Pauli Räder, war ein Strichjunge.

Das Wort hatte er nie zuvor gehört, aber als Kwolle es aussprach, wußte Pauli, daß es stimmte. Kwolle hatte ihn gefragt, ob er einige der anderen Strichjungen vom Bahnhof kannte.

Da Pauli nunmehr seine Identität gefunden hatte, hatte er auch seine

Gruppe gefunden.

Am nächsten Tag verließ Pauli Kwolle.

Am Bahnhof schaute er einen der reich aussehenden Männer, die zwei Mal an ihm vorbeikamen, einfach an. Daraufhin blieb der Mann, wie von einer verborgenen Kraft angezogen, vor ihm stehen.

Schließlich waren sie zu der Villa des Mannes gegangen, und Pauli war die Nächt über geblieben. Am nächsten Tag wollte er wieder gehen, aber der Mann hatte den zwölfjährigen Jungen verzweifelt angefleht, doch zu bleiben. Er hatte Pauli gebadet und am Nachmittag hatten sie viele schöne Kleider und ein Rennrad für den Jungen gekauft.

Aber als ihm ein paar Tage später Geld für eine elektrische Eisenbahn verweigert wurde, ging Pauli wieder zum Bahnhof und versuchte seine Macht an einem reicheren Mann aus.

Es dauerte nicht lange, bis Pauli einen ganzen Kreis von Männern, die von ihm gebannt schienen, um sich sammeln konnte.

Innerhalb eines Monats kannte er seinen Preis.

Dann traf er auf Negresco.

Negresco war ein sehr langer, starker Mann und sehr reich.

Vor langer Zeit war er aus Afrika gekommen und wohnte jetzt in einer

Villa etwas außerhalb Berlins. Er hatte viele Freunde aus Afrika, die für ihn arbeiteten.

Als der große, starke Negresco es Pauli aber machte, tat es mehr als je zuvor weh, sogar mehr als damals im Heim. In der gleichen Nacht noch hatte Pauli versucht wegzulaufen. Aber Negresco hatte ihn geschnappt und dann die Schlafzimmertür hinter ihm verriegelt.

Dann gab er ihm die Spritze.

Pauli hatte sich auf eine merkwürdige Art sehr glücklich gefühlt.

Es tat ihm noch immer weh, als Negresco es ihm nachts dann noch öfters machte, aber irgendwie fand er es nicht der Rede wert. Negresco hatte ihm eine weitere Spritze gegeben, und Pauli hatte geschlafen und viele wunderbare Träume gehabt.

Am nächsten Tag bekam er drei weitere Spritzen.

Er mußte nun jede Nacht bei Negresco bleiben. Morgens und mittags schlief er. Mit den Spritzen tat es ihm nicht mehr so schrecklich weh, aber wenn er nicht ruhig liegenblieben würde und sich völlig entspannte, würde Negresco ihm nachher die Spritze nicht geben.

Pauli brauchte die Spritze nun alle drei Stunden, sogar tagsüber, wenn Negresco es nicht mit ihm trieb. Eines Tages blieb Negresco aus und Paulis ganzer Körper, vor allem die Knochen, taten ihm weh. Als Negresco spätabends nach Hause kam, war es, als ob Gott vom Himmel gekommen war. Mit der Injektion verschwanden die Schmerzen.

Seitdem hatte Pauli immer Angst, daß Negresco weggehen würde. Er wollte für immer und ewig bei ihm bleiben. Wenn Negresco mal länger als eine Stunde weg war, kamen die Schmerzen.

Pauli verließ das Schlafzimmer nicht mehr, so daß Negresco wußte, wo Pauli immer war, wußte, daß Pauli immer auf ihn warten würde.

Meistens döste er vor sich hin, dann, als er ruhelos wurde, wachte er auf und wartete auf Negresco, der ihm eine weitere Spritze geben mußte, nachdem er es mit ihm getrieben hatte.

Eines Tages hatte Negresco ein Mädchen mitgebracht. Pauli mußte das Zimmer wechseln.

Negresco Freunde kamen nachts und trieben es die ganze Nacht mit ihm.

Negresco hatte viele Freunde und alle mochten sie den jungen, blonden Jungen. Doch die Injektionen machten Pauli glücklich. Es machte ihm alles nicht viel aus.

Dann war Negresco eines Tages gar nicht gekommen. Das Haus blieb leer, als Pauli aufwachte. Die Schmerzen und die Angst wurden schlimmer.

Um elf Uhr abends ging Pauli in den Klub, wohin Negresco ihn schon mal mitgenommen hatte. Als Pauli hereinkam, nahm ihn ein großer, starker Mann schnell mit auf ein Zimmer im ersten Stock. Es war einer der Männer, der es mal mit ihm getrieben hatte in Negrescos Wohnung. Er erzählte, Negresco und einige seiner Freunde seien erschossen worden. Er würde nie wieder zurückkommen. Als der weinende Junge fragte, wo er die Spritzen bekommen könnte, lachte der Mann laut auf. Er konnte ihm jetzt keine geben, weil sie sehr teuer waren. Pauli sollte dafür arbeiten.

Pauli kannte die Arbeit, die er machen sollte. Seine Macht würde nun auf den Mann übergehen, der ihm zu den Spritzen verhelfen könnte

Er brauchte jetzt eine.

Der Mann gab ihm ein bißchen braunes Pulver und eine Spritze und zeigte ihm, wie man die Injektionen setzte.

Er zog etwas Wasser in eine Spritze, gab dieses dann auf einen Teelöffel mit dem braunen Pulver. Diesen hielt er dann über ein Feuerzeug, bis das Wasser kochte. Dann füllte er die Spritze wieder.

Der Mann legte die Spritze in einen Schrank, und sagte, daß Pauli nun erst arbeiten solle.

Er ließ ihn sich über ein Stuhl beugen. Er war einer der großen Männer und Pauli hatte zuerst gerne die Spritze gehabt, aber der Mann sagte nein. So tat es Pauli sehr viel mehr weh.

Danach nahm der Mann die Spritze aus dem Schrank und erklärte Pauli erklärt, wie er die Injektionen selbst setzen könnte.

Am Anfang war es schwierig mit der Binde, die er um den Arm legen mußte, um das Blut zurückzuhalten und zugleich einhändig mit der Spritze zu hantieren. Aber nach einiger Zeit war er sehr geschickt darin geworden. Um glücklich zu bleiben, brauchte Pauli die Spritze nun alle zwei Stunden.

Nach zwei Stunden würden die Schmerzen wieder einsetzen.

Pauli war nun immer unterwegs, rannte zwischen dem Bahnhof und dem Klub hin und her, um jedes Mal, nachdem er seine Arbeit getan hatte, das Pulver zu bekommen. Er trug nun immer seine Spritze sowie einen Löffel und ein Feuerzeug bei sich, so wie andere Jungen seines Alters ein Bowie-Messer bei sich trugen.

Viele Männer kannten ihn und fast immer standen sie Schlange für den kleinen Pauli. Sie brauchten ihn genauso wie er seine Spritzen brauchte. So würde es immer weitergehen.

In drei Monaten hatte Pauli dreißigtausend Mark für den Stoff ausgegeben.

Nach einiger Zeit jedoch, gab es zu viele Jungen wie Pauli und er mußte aushalten.

Er brauchte jetzt all sein Geld für das Pulver. Für Kleidung und Essen blieb nichts übrig. Jede Nacht schlief er mit anderen Männern. Manchmal schlief er unter einer der Spreebrücken, als sie es ihm nicht erlaubten, die Spritze bei sich zu Hause zu setzen.

Eines Tages traf er Kwolle wieder. Der war sehr glücklich ihn wieder zu sehen und nahm ihn mit sich nach Hause.

Als Pauli ihm erzählte, er könne nur eine Stunde für 50 Mark bleiben, da er dringend eine Spritze bräuchte, hatte Kwolle geweint. Er verkaufte alle seine Sachen und war so in der Lage, Pauli drei Tage bei sich zu behalten.

Kwolle kannte die schrecklichen Schmerzen, die kamen, wenn man die Spritzen nicht mehr setzte.

Die Schmerzen wurden jeden Tag heftiger. Er wußte Bescheid über die Fesseln, die weißgetünchten Zellen und die Männer in den Häusern. Aber er wußte auch, daß es mit Pauli schlimmer und schlimmer wurde sowie er über all die anderen Männer Bescheid wußte.

Kwolle war leider ein sehr neidischer Mensch.

Es war der Gedanke an all die anderen Männer, einer alle zwei Stunden, der Kwolle entscheiden ließ, daß es für Pauli besser wäre, wenn er gefesselt in einer weißgetünchten Zelle liegen würde.

Er sagte Pauli, daß er ihn mit ins Krankenhaus nehme, wo es die Spritzen umsonst gab.

Im Krankenhaus erzählte Kwolle dem Professor von Pauli. Dieser sagte daraufhin zu, sich um den Jungen zu kümmern. Dann mußte Kwolle gehen.

Später wurde er von der Polizei verhört. Ihm war so schlecht, daß er alles, was er wußte, ausplauderte. Schließlich wurde er eingebuchtet. Aber das machte ihm nicht viel aus.

So hatte er wenigstens Gesellschaft.

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